KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

POP

Gebändigt: The Cranberries

in der Columbiahalle

Knalliges Schlagzeug gibt den Beat vor, ein Gitarrenriff legt sich darüber, Dolores O’Riordan, Sängerin der Cranberries, tanzt aus der Las-Vegas-Kulisse und betört mit ihrer markanten Stimme, in der sich keltische Folkmusik mit britischem Mainstream-Pop vermengt. Die Dramaturgie an diesem Abend in der ausverkauften Columbia-Halle konzentriert sich ganz auf die attraktive Frontfrau, die Mitmusiker stehen in der zweiten Reihe wie Schattenrisse: Noel und Mike Hogan an Gitarre und Bass, Fergal Lawler hinterm Schlagzeug und ein angeheuerter weiterer Gitarrist/Keyboarder.

Eine solide Band mit kompaktem Sound. Die Cranberries aus dem irischen Limerick waren eine der populärsten Popbands der 90er Jahre. Kurz nach ihrem letzten Berlin-Konzert 2003 im Olympiastadion als Vorgruppe der Rolling Stones löste sich die Gruppe auf, O’Riordan machte solo weiter. 2009 sagte sie die geplante Tournee zu ihrem zweiten Album ab und gab die Reunion der Cranberries bekannt. Jetzt ist die Band wieder auf Tour. In Berlin spielen sie ein paar Songs von O’Riordans Soloalbum, doch vorwiegend die alten Hits: „How“, „Dreaming My Dreams“, „Just My Imagination“ und natürlich: „Zombie“. Dolores twisted über die Bühne, gibt die elektrische Tanzpuppe, die Band spielt makellos, die Zuhörer jubeln frenetisch. Und doch fehlt etwas, ein paar Kratzer auf der Politur, mehr Leidenschaft, Aufrichtigkeit. Und der Zorn von damals. H.P. Daniels

VARIETÉ

Geschaukelt: „Versus“,

die neue Show im Chamäleon

Alles Artistische ist nur ein Gleichnis. Junge Männer in dunklen T-Shirts kaspern, rangeln, springen auf dem Bühnenquadrat inmitten der Zuschauer. Junge Frauen in roten Tops gleiten kopfab ins Zentrum, verankert an dem Gestänge, das die alte Saaldecke des Chamäleon bedeckt. Alle acht tragen Jeans, einige versprühen Charme. Die neue Show „Versus“ (bis 28.8.) des Regisseurs Marcus Pabst feiert den süßen Vogel Jugend, untermalt von subtiler Popmusik wie „Hitler in my Heart“ von Anthony and the Johnsons. Der Subtext zum Überbau wird anfangs projiziert: Slogans á la „Ich will wie alle sein“ und „Es ist absurd zu denken, da ist Liebe“, die je nachdem autoritäre oder emanzipatorische Assoziation freisetzen. Sie räkelt sich am Trapez; er ahmt unten unbeholfen ihre Formvollendung nach. Blicke, Stricke fliegen, Partnerschaften schaukeln. Haare wehen. Muskeln spannen. Frauen kämpfen mit Schlangenseilen. Männer krabbeln Stangen hoch und runter. Die Geschlechter zelebrieren Sehnsuchtsspiele. Sie perpendikelt, an den Füßen aufgehängt, er stoppt das Drama: Wir hängen aneinander. KnutschSeligkeit zwischen Himmel und Erde: Wir kreisen um uns selbst. Zum Finale des akrobatischen Beziehungs-Tanztheaters, mit dem das Varieté seinen Stil poetisch profiliert, erschaffen die acht, in blaue Tücher verwickelt, ein schwebendes Molekül der Leidenschaft. Das Ewig-Weibliche zieht uns hinauf. Thomas Lackmann

KUNST

Gewendet: Expressives aus

Ost- und Westberlin bei Verdi

Nach dem Fall der Mauer gab es von manchem zu viel. Währungen zum Beispiel, Verwaltungsstrukturen oder Sandmännchen. Aus Sicht vieler Westberliner gehörte auch die Kunst der DDR zu den eher überflüssigen Zugewinnen. Werken wie Schöpfern begegnete man mit Ignoranz.

Heute hängen Arbeiten aus beiden Teilen Deutschlands gleichberechtigt nebeneinander, etwa in der Ausstellung „Spannungsfelder – 30 Jahre Kunst aus Ost- und Westberlin“ der Projektgruppe „artis“ (bis 28. 5., Haus der Verdi-Bundesverwaltung, Paula-Thiede-Ufer 10, Mo - Fr 8 - 18 Uhr). Sechs Künstler stehen exemplarisch für die unterschiedlichen Kunstströmungen der (Vor-)Wendezeit. Horst Bartnig etwa nähert sich dem Thema Grenzüberschreitung mathematisch an. Seine geometrischen Bilder sind millimetergenau berechnet und streng komponiert. Bei den Holzplastiken Hans Scheibs dominieren dagegen schroffe Kanten und eine seltsame Proportionalität: Seine Kunst erzählt von Verbitterung und der vergeblichen Suche nach Halt. Umbruch drüben, Expressivität hüben: Im Sommer ’84 zündet Kain Karawahn mit Freunden ein Feuerchen. Was im „Neuen Deutschland“ als westliche „Feuerattacke mit hoher krimineller Energie“ Erwähnung fand, wird nun in einer Videodokumentation als Kunstaktion geoutet, als Kains ganz persönlicher Sommernachtstraum. Maris Hubschmid

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