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OPER

Wiederentdeckt: „Dido, Königin von Carthago“ im Konzerthaus Berlin

Christoph Graupner war neben Bach ein heißer Kandidat für das Thomaskantorat – und wird im Gegensatz zu ihm kaum noch gespielt. Was Graupner aufregend anders macht als die Zeitgenossen, zeigt die Aufführung seiner Oper „Dido, Königin von Carthago“ beim Zeitfenster-Festival. Was für Bach der Kontrapunkt ist, ist für Graupner die Klangfarbe. Graupner verstand sich als Diener des Textes und der Bühne: Er frappiert zwar mit ungewohnten Klangfarben und verblüffenden Harmoniefortschreitungen, doch ließ er auch opulenten Bühnenbildern und dem eindringlichen Text von Heinrich Hinsch Raum zum Atmen. Warum man diese Oper, die zu den Wiederentdeckungen des Jahrzehnts gehört, nur dürftig kommentiert, heftig gekürzt und trotz der problematischen Akustik des Konzerthauses ohne Textbuch präsentierte, blieb ein Geheimnis. Falls man es auf die Zielgruppe intellektuell kaum belastbarer, sitzfleischloser Nebenbeihörer abgesehen hatte, ging die Rechnung nicht auf: Viele Plätze blieben leer. Der Applaus aber, den das von Florian Heyerick engagiert geleitete, hervorragend einstudierte Elbipolis Barockorchester Hamburg und das Textverständnis und Ausdruck verschmelzende Sängerensemble (grandios: Doerthe Maria Sandmann) erhielten, füllte trotzdem den Saal.Carsten Niemann

KLASSIK

Heißblütig: Orquesta Nacional de España in der Philharmonie

Das spanische Feuer glüht an diesem Abend auf Französisch. Zwar ist es keine große Orchesterkunst, den Schluss von Ravels „Boléro“ ohne Rücksicht auf Verluste in den Saal zu schmettern. Dennoch: Wie das Orquesta Nacional de España sein Gastspiel in der Philharmonie beschließt, voll tief empfundener Lust an der Einfachheit, so hätte man sich schon den Einstieg gewünscht. Alberto Ginasteras Tänze aus dem Ballett „Estancia“ von 1941 sind nicht das argentinische Gegenstück zu Bartóks Volksliedbearbeitungen, wie das Programmheft suggeriert. Viel zu durchschaubar steckt das Folkloristische hier im Mantel pseudomoderner Tonsprache. Das allein wäre nicht schlimm, wenn Josep Pons am Pult dem Orchester die Leichtigkeit auch zugestehen würde.

Etwa wie die Labèque-Schwestern. Katia und Marielle, diese Furien in Knallrot und Pechschwarz, die das von Joan Albert Amargós eigens für sie geschriebene Konzert für zwei Klaviere durchleben, statt es bloß zu spielen: mit zuckenden Dissonanzblitzen, sich windend und aufspringend, im langsamen Mittelsatz mit wunderbar intimen Melodie-Bass-Dialogen. Klug hält Pons das Orchester dabei im Hintergrund. Nach der Pause Piazzollas „Tangazo“: mehr introvertiert als reißerisch. Das ist nachvollziehbar, schließlich sparen die Spanier das heiße Blut schon für den Franzosen. Daniel Wixforth

FOLKROCK

Gefühlvoll: Mumford & Sons

im Astra Kulturhaus

Der Anfang mit schwirrenden Akkorden auf der akustischen Gitarre klingt ein bisschen wie „The End“ von den guten alten Doors. Doch auf der Bühne stehen Mumford & Sons. „Sigh No More“ lehnt sich aber mehr an William Shakespeare als an Jim Morrison an und ist der Titelsong des zu Recht mit viel Lob bedachten Debütalbums der jungen Londoner Band, die zu den hoffnungsvollsten Vertretern einer neu erblühenden englischen Folk-Szene zählt. Allerdings hört sich die betörende Musik der vier Mumfords mehr nach Americana-Wurzeligkeit als nach Albion-Folk an. Umwerfend der makellose, vierstimmige Harmoniegesang, allen voran das anrührende Organ von Marcus Mumford, mit diesem gefühlvollen, heiseren Kratzen. Mumford & Sons sind schon zum dritten Mal in Berlin, und jedes Mal kommen mehr Leute. Diesmal wurde der Auftritt vom Maria am Ufer ins größere Astra verlegt, wo man sich kaum rühren kann im dichten Gewühl. Der Sound ist brillant, und die exquisite Band zeigt mit einer feinen Auswahl berauschender Songs, dass es neben all den falschen Fuffzigern und Poseuren auch echte, überzeugende Musiker gibt, die sich nicht mal selbst besonders ernst nehmen müssen, um eine Menge bewegen zu können. H.P. Daniels

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