KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Unter Freunden: Andras Schiff dirigiert die Berliner Philharmoniker

Seltsames Ding, dieser Taktstock! Mit beiden Händen trägt Andras Schiff ihn weit vor sich her, als sei er sich noch nicht sicher, ob er das Stück Holz braucht, um Musik zustande zu bringen. Dass der Abend in der Philharmonie unterhaltsam wird, liegt denn auch weniger an den Maestro-Posen, in die Schiff sich wirft, sondern eher daran, dass die Philharmoniker den ungarischen Pianisten seit langem als Musiker schätzen und ihm wohl einen Wunsch erfüllen wollten.

Ein freundschaftlicher Austausch also, wie schon die erste Programmhälfte zeigt: Erst spielt Schiff Bachs d-moll-Klavierkonzert für die Philharmoniker, dann spielen sie Haydn für ihn. Der „Militär“-Sinfonie bekommt das entspannte Miteinander gut: Aus dem Geist eines Sandor Vegh musiziert, ist Schiffs Haydn traditionell im besten Sinn. Klangschön, empfindsam, aufgeräumt wie das Zimmer eines artigen Kindes. Bei Mozart reicht es allerdings nicht: Die „Don Giovanni“-Ouvertüre bleibt in unverbindlicher Festlichkeit stecken, auch beim d-moll-Klavierkonzert hätte ein echter Dirigent zumindest die in die Breite fließende Romanzenbetulichkeit im langsamen Satz verhindern können. Die fällt umso stärker auf, weil Schiffs Mozartspiel in den letzten Jahren einen leicht herben, kantigen Zug bekommen hat – vielleicht als Folge seiner intensiven Beethoven-Auseinandersetzung. Angst, dass Schiff auf den Maestro-Job umsattelt, braucht man wohl nicht zu haben. Wäre schade um den Pianisten. (noch einmal heute, 16 Uhr) Jörg Königsdorf

THEATER

Alptraum Familie: Sam Shepards

„Buried Child“ im English Theatre

Sind wir noch im Land der Lebenden? Das fragt der trunksüchtige Familienpatriarch Dodge (Del Hamilton) in die Leere seiner Couchexistenz, irgendwo in der Einöde Illinois’. In Sam Shepards Drama „Buried Child“ am English Theatre Berlin (wieder heute und 20. – 24.4.), gibt es darauf keine eindeutige Antwort. Durch das amerikanische Alptraumstück, das 1979 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, geistern lauter Menschen, bei denen man nicht sicher sein kann, ob sie nicht längst an gescheiterten Hoffnungen und ihrer verdrängten Vergangenheit erstickt sind. Die entrückte Mutter Halie (Faye Allen) poussiert offen mit einem Priester (Errol T. Harewood, auch am Schlagzeug mit dem fulminanten Jazz-Soundtrack ). Sohn Tilden (Jeffrey Mittleman) hat fast den Verstand verloren und schleppt unentwegt Mais ins Haus, den niemand angepflanzt hat. Seinem Bruder Bradley Harvey Friedman) fehlt seit einem Kettensägenunfall ein Bein. Und als Enkel Vince (Thomas S. Spencer) mit seiner kalifornischen Freundin Shelly (April Small) zu Besuch kommt, erkennt ihn niemand.

Dieses symbolgeladene, desillusionierte Familienpanorama, mit dem Shepard die Tradition eines Tennessee Williams oder Eugene O’Neill ins Surreale hebt, inszeniert Veronika Nowag-Jonas als Koproduktion mit dem 7 Stages Theatre in Atlanta. Mit Gespür für die Abgründe der Geschichte wie für ihren bitteren Humor. Patrick Wildermann

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