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KLASSIK

Filigran: Der RIAS-Kammerchor

singt Geistliches im Konzerthaus

Vorbarocke Klänge im Großen Saal des Konzerthauses. Unter dem jungen lettischen Dirigenten Kaspars Putnins singt der RIAS-Kammerchor Magnificat-Vertonungen von Pärt, Schütz und Giovanni Gabrieli, das „Dixit Dominus“ von Orlando di Lasso oder Schütz’ „Verleih uns Frieden genädiglich“. Dazwischen erklingt fromme Chormusik von Giacinto Scelsi (1905-1988) und James McMillan, Italiener der erste, ein Meister der Stasis, der zeitlupenartig verlangsamten Melodiebögen, die nun eng umeinandergelegt werden. Der 1959 geborene Schotte McMillan hingegen arbeitet in seinem „Tremunt videntes angeli“ mit in Terzen zitternden Linien, gerade so, wie es der Text über die Engel vorgibt, die angesichts des „wir sündigten – du hast gesühnt“ vor Erstaunen ins Beben geraten. Putnins am Pult schlägt fast zu entspannt, um als gewöhnlicher Chordirigent durchzugehen – und entlockt dem Ensemble vielleicht gerade deswegen herrliche Klänge. Filigran klingt der RIAS-Kammerchor unter seiner Leitung, fein timbriert und geradeheraus, auf selbstverständliche Weise eins mit dem Repertoire, ohne deswegen zu frömmeln. Eine selten zu hörende alte Farbe fügen all dem die historischen Instrumente der neunköpfigen Capella de la Torre zu; „Torre“ wegen des Turmes, von dem herab Bläsergruppen früher musizierten. Katharina Bäuml an der Schalmei leitet die überraschend weich tönende Truppe durch Pavanen, durch Instrumentalsätze von Praetorius und abermals Gabrieli: ein schöner, geradezu andächtiger Abend, mit dem das Festival „Zeitfenster. V. Biennale für Alte Musik“ nun zu Ende geht. Christiane Tewinkel

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