KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Über dem Boden schweben:

Femi Kuti in der Volksbühne

Es gibt gerade mal wieder ein Afrobeat-Revival. Jede Woche erscheinen neue Sampler mit Funk-Sensationen aus Nigeria, Ghana oder Benin. Über allem steht Fela Kuti, der große Zeremonienmeister des Afrobeats, der 1997 an Aids gestorben ist und dessen rauschhafte Musik längst in Technoclubs gespielt wird. Das Erbe der legendären Liveshows verwaltet Sohn Femi, der sich mit seiner Band The Positive Force in die Fußstapfen des Vaters begab, traditionsbewusst, aber auch der Moderne nicht abgeneigt. Zudem nutzt er die Musik, um auf die Missstände in Nigeria hinzuweisen. Im Gegensatz zu seinem Vater besitzt er aber eine distanzierte Haltung zu Drogen und vermeidet sexistische Äußerungen.

Trotzdem: Der Geist von Fela schwebt selbstverständlich über der Volksbühne, als der 47-jährige Femi Kuti seine Kollegen rollenden Auges durch vertrackte Uptempo-Arrangements dirigiert, die einem vorgaukeln, da spielten zwei Bands gleichzeitig: Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboards, Perkussion, fünf Bläser und drei Tänzerinnen, die die Hüften kreisen lassen, während der Bandleader jazzige Saxfiguren bläst, Trompete spielt, auf ein Keyboard hämmert oder mit der Stimme jubiliert. Freilich hat der Sohn nicht den manisch entrückten Ausdruck seines ewig bekifften Vaters, der in Dimensionen gelangte wie sonst nur Charlie Parker, Miles Davis und James Brown. Doch auch so bringt der auf Spiel und Hochspannung angelegte Afrobeat das Publikum mühelos zum Zappeln. Bei der Zugabe von „Beng Beng Beng“ hat man nach 90 Minuten sogar das tolle Gefühl, dass alle Anwesenden vor und auf der Bühne den entscheidenden Millimeter über dem Boden schweben. Volker Lüke

ESSKULTUR

Gutes für den Leib: eine Ausstellung im Museum der Kommunikation

Oscar Wilde hielt fest: Nach einem trefflichen Essen ist man geneigt, allen zu verzeihen. Sogar den Verwandten. Das erste gedruckte Kochbuch der Welt trug den Titel „Von der ehrlichen, ziemlichen, auch erlaubten Wollust des Leibs“. Seit sich der Steinzeitmensch zu Mammutsteak und Wollnashornkeule mit seiner Sippe ums Feuer versammelte, ist das Essen mehr als bloße Nahrungsaufnahme: ein soziales und geselliges, zunehmend sinnliches Ereignis. Als solches beleuchtet es die Ausstellung „Kochen, essen, reden – satt?“ im Museum für Kommunikation (Leipziger Straße 16, bis 29. August, Di.–Fr. 9–17, Sa./So. 11–19 Uhr). Auf fünf Themenstrecken geht es um das Essen zu Hause, auswärts und im Beruf, Imbiss- und Picknickkultur sowie Essen als Politikum. Ein Medienspiegel zeigt die Popularität von Kochsendungen, wenige Meter weiter blickt man hinter die Kulissen eines Nobelrestaurants, Ansichten aus Literatur und Kunst werden präsentiert. Am Ende des vieldimensionalen Rundgangs fällt die Wahl schwer: Bockwurst oder Bocuse? Worauf sie auch fällt, es darf ruhigen Gewissens geschlemmt werden. Denn schon Churchill mahnte: Man soll dem Leib Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen. Maris Hubschmid

0 Kommentare

Neuester Kommentar