KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

FOLK

Sanftmut und Freude:

The Unthanks im Postbahnof

Im Mittelpunkt der Bühne des bestuhlten Postbahnhofs stehen die Schwestern Rachel und Becky Unthank. Mit entzückendem Geordie-Akzent singen sie einen traditionellen Folksong aus ihrer Heimatstadt Newcastle. Die Vorliebe für die Folkmusik von Northumberland haben sie schon als Kinder von ihren singenden Eltern geerbt: ein Faible für die melancholischen Lieder über das Leben der „einfachen Leute“ im Nordosten Englands. Es geht um Bergarbeiter, Seeleute, junge Männer, die in die Armee gezwungen werden, und Kinder die schuften müssen. Immer wieder lächeln sich die Schwestern an, und dann auch ihre Band. Man sieht und hört, wie gut sich die Unthanks verstehen und welchen Spaß es ihnen bereitet, miteinander Musik zu machen. Auf dem neuen Album „Here’s The Tender Coming“ sind die Arrangements unbeschwerter geworden, vielseitiger in der Instrumentierung. Mit dem Namenswechsel von Rachel Unthank and the Winterset zu The Unthanks wurde die Besetzung um einige Mitglieder und Instrumente erweitert. Am Piano sitzt Adrian McNally, Rachels Ehemann. Der Bassist spielt Gitarre, Ukulele, Schlagzeug, die Cellistin Akkordeon und ein selbst gezimmertes Xylofon. Traditionelle Folkelemente vermischen sich mit blauem Jazz, mit Songs von Nick Drake und von den Beatles, denen mit einer umwerfenden Version von „Sexy Sadie“ gehuldigt wird. Dabei ergänzen sich die schärfere, schneidende Stimme von Rachel mit der wärmeren, luftigen von Becky zu traumhafter Harmonie. Herzerwärmend! H. P. Daniels

KLASSIK

Drama und Schmerz: Das Artemis- Quartett im Kammermusiksaal

Wie gewaltig reißt der Horizont dessen auf, was man fühlen, was man sagen kann mit Beethovens späten Streichquartetten. Das Artemis-Quartett begibt sich auf eine weltweite Reise durch sein gesamtes Quartettschaffen. Und es tut bei seiner Station im Kammermusiksaal gut daran, die Werke nicht streng chronologisch aufzuführen, sondern immer neu zu spannungsgeladenen Kombinationen zu bündeln. So führt der Weg vom Streichquartett op. 14 über das „Harfenquartett“ op. 74 hin zum enigmatischen op. 131. Während konventionelle Satzstrukturen zurücktreten, die Variationen zunehmen, verdichtet sich zugleich auf geradezu unheimliche Weise der Zusammenhalt der Musik. Alles, was da stockt und in Trugschlüsse mündet, ist Teil eines größeren Ganzen. Diese Freude, dieser Schmerz der ganzen Welt – wenn sie ihn denn hören mag. So, wie das Artemis-Quartett seinen Beethoven spielt, ist das keine Frage. Da gibt es kein Ausruhen auf der harmonischen Grasnabe, aber auch keine Dauerhysterie der Primgeige. Dramatik entsteht, das verkörpern Natalia Prishepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle und Eckart Runge, wenn gleich starke Kräfte zusammenströmen. In den Momenten, in denen scheinbar nichts die Oberhand gewinnt, beginnen unsere Erwartungen zu rotieren. Da wird ein anhebendes Scherzo unisono akustisch gelöst, um es sogleich wieder zu errichten. Das Leben wie von Opus 131 bezeugt: eine Sisyphusarbeit und ein unaufhaltsamer Ritt in die Dunkelheit. Aber welche Tiefe der Empfindungen. Dem Artemis-Quartett sei Dank! Ulrich Amling

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