KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Holzschnitt: Pierre-Laurent Aimard

bei den Philharmonikern

Auch fast 60 Jahre nach dem Tod Arnold Schönbergs sind Konzerte meist schlechter besucht, sobald ein Werk des Zwölftonpapstes auf dem Programm steht. Diese traurige Erfahrung bleibt auch den Berliner Philharmonikern nicht erspart, obwohl kaum etwas besser zum Abbau von Vorurteilen taugt als das 1944 uraufgeführte Klavierkonzert. Pianisten wie Mitsuko Uchida und Daniel Barenboim haben das knapp 20-minütige Stück aus der Perspektive einer zwischen Jazz und Mozart vermittelnden Klangschönheit interpretiert. Nun zeigt Pierre-Laurent Aimard, dass sich unter der freundlichen Oberfläche eine weitere Sinnschicht verbirgt. Hart und klar meißelt der Franzose die Melodielinien, widerborstig knallt er die Akkorde heraus: Musik, deren Energie sich gegen sich selbst richtet und die verzweifelt um Lockerheit kämpft, aber doch in den Mauern ihres Regelwerks gefangen bleibt. Nicht schön, aber von beeindruckender Konsequenz.

Ohnehin ist dieser Abend in der Philharmonie mit dem tschechischen Dirigenten Jiri Belohlávek keiner der schönen Klänge. Im Fall der Suite aus Janaceks Straflager-Oper „Aus einem Totenhaus“ liegt das am Stück selbst: Ohne die Anbindung an die Bühne stockt das Potpourri in dröhnendem Folklorismus, erhält das, was musikalisch angedeutet werden soll, holzschnitthafte Präsenz. Dass der Philharmoniker-Klang auch in Brahms’ vierter Sinfonie nicht blühen will, dürfte hingegen eher am Dirigenten liegen. Der 63-jährige Tscheche, der nach und nach in die erste Maestro-Reihe aufgerückt ist, bringt das Stück mit kapellmeisterlicher Routine, aber ohne erkennbaren Ausdruckswillen über die Runden (noch einmal heute, 20 Uhr). Jörg Königsdorf

KUNST

Farbenpracht: Buchmalerei

im Deutschen Historischen Museum

Im Mai soll man baden und die Fingernägel nicht mit Eisen kürzen, empfiehlt der Kalender von Albrecht Glockendon: Die heitere Szene einer Bootsfahrt bebildert den sinnenfrohen Monat. In Nürnberg erlebte die Buchmalerei zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine späte Blüte, in einer Zeit des Wohlstands und der Zufriedenheit – wie die farbenfrohen Illustrationen der Familie Glockendon verraten. So bewahrt Karl IV. in einem Porträt zwar noch die strengen Gesichtszüge der Gotik, doch sein grüner Mantel flattert entspannt im Wind und lässt das violette Futter erkennen.

Georg Glockendon d. Ä. und seine Söhne Albrecht und Nikolaus beherrschen den Markt für kolorierte Gebrauchsgrafik und haben wohl auch zur Popularisierung von Albrecht Dürers Werk beigetragen: Eine Wechselwirkung, die das Deutsche Historische Museum in einer intimen Ausstellung beleuchtet (bis 9. Mai, Unter den Linden 2, tägl. 10–18 Uhr). Wie sehr sich in dieser Zeit die Perspektive ändert, zeigt etwa der Globus, den Georg Glockendon d. Ä. nach Erzählungen des Weltreisenden Martin Behaim bemalt hat. Der Blick auf die Weltkugel zwingt zu räumlichem Denken; die perspektivischen Darstellungen von Dürer werden für die Glockendons bald zum Maßstab. Nikolaus Glockendon bedient sich außerdem fröhlich einzelner Elemente aus Dürers Grafik, kopiert hier eine Landschaft und da eine Frauengestalt für seine Darstellung der Heiligen Margarete. Der wichtigste Kunde der Glockendons ist Pfalzgraf Johann II. von Simmern. Gebildet, interessiert an Wissenschaft und Kunst, gibt er ein Gebetbuch in Auftrag, das in der Ausstellung als Faksimile vorliegt. Aber er fördert auch die Technik, die der Buchmalerei den Garaus machte: die Druckkunst. Simone Reber

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