KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Powerfrau: Das Brandenburgische Staatsorchester im Konzerthaus

Mon Dieu, die Frau hatte Power! Augusta Holmès, Patentochter Alfred de Vignys, begnügte sich nicht damit, nur die Muse des Pariser Parnassiens-Dichterkreises zu spielen, sie wollte selber kreativ arbeiten, als Komponistin. Sie setzte sich tatsächlich durch, wurde von den männlichen Tonsetzern ihrer Zeit akzeptiert. Dass sie einen genuinen Theaterinstinkt besaß, bezeugte die deutsche Erstaufführung ihres Oratoriums „Les Argonautes“ von 1879. Mit dem ganzen Pomp der grand opéra entfaltet die Komponistin die Geschichte vom Goldenen Vlies: Streicher schäumen, Blechbläser schmettern, große Trommel. Typisch weiblich ist hier nichts. In leuchtenden Farben entwirft Holmès ein tönendes Pendant zu jenen monumentalen Historiengemälden, die damals in Mode waren und heute im Pariser Musée d’Orsay hängen. Für die Entdeckung dieser kraftvollen Partitur ist Kerstin Behnke verantwortlich: Die Leiterin der Berliner Cappella hat nicht nur ihren Laienchor stilistisch kompetent vorbereitet und solide Solisten engagiert, sie führt auch das Staatsorchester Frankfurt (Oder) sicher durch die Klangfluten. Gabriel Faurés Kantate „Die Geburt der Venus“, die den Abend im Konzerthaus eröffnet, wirkt mit ihren sanft mäandernden Melodielinien, ihrem duftigen Streichersound dagegen wie eine keusche Jünglingsfantasie. Touché, Madame Holmès! Frederik Hanssen

KLASSIK

Moosmägdlein: Die Pianistin

Alice Sara Ott im Kammermusiksaal

Klavierspielen muss schön sein: Einer Waldnymphe, einem Moosmägdlein gleich schwebt Alice Sara Ott hin zum Flügel und wieder weg vom Flügel, lange schwarze Haare, langes grünes Kleid, goldene Stilettos. Die reine Augenweide, die Inkarnation aller Musikmanagerfantasien. In kurzem Abstand hat die 22-Jährige Deutsch-Japanerin zwei CDs veröffentlicht (Liszt, Chopin), entsprechend proper gefüllt zeigt sich der Kammermusiksaal. Und mag es mit der Ohrenweide auch mächtig hapern: Die Strategie geht auf. Jubel und lange Schlangen vorm Autogrammtisch inklusive Tonträger-Verkauf hinterher.

Pianistisch-künstlerisch allerdings ist dieses Konzert ein Ärgernis. Im Forte poltert Ott, und ein Piano, das anders als wattig wäre, scheint sie nicht zu kennen. Über die vielen falschen Töne in Mendelssohns „Variations sérieuses“ hört man noch hinweg. Spätestens bei Beethovens „Mondscheinsonate“ aber macht sich musikalische Ahnungslosigkeit breit, die bestürzt. Ein Spiel ohne geistige Dimension, ohne Unterleib, ohne Konfliktbewusstsein, immer nur horizontal verfahrend und in bräsigen Tempi der Melodie entlang. Bei Chopin steht zunächst zwar fälschlicherweise der Wiener Walzer Pate, in der Valse brillante op. 34,2 aber blitzt taktweise etwas von jener Disparatheit auf, die diesem Komponisten eigen ist. Doch ach, schon drohen zwei Liszt-Etüden und besiegeln den Abend: Hexenmusik wie frisch aus dem Internat. Christine Lemke-Matwey

KUNST

Elfen aus Stein: Michael Schoenholtz

im Kolbe-Museum

„Ohne Worte“ nennt Michael Schoenholtz sein Werk, das so einfach anmutet und so schwer zu fassen ist. Der Künstler hat dafür aus Teerpapier vier große Rechtecke ausgeschnitten und schlangenartige Wellen daraufgemalt. Je weiter man zurücktritt, umso mehr verschwimmen die Formen. Auch bei Schoenholtz’ Skulpturen, die zusammen mit seinen Zeichnungen unter dem Titel „In Massen“ im Kolbe-Museum ausgestellt sind, ist das genaue Hinschauen wichtig (Sensburger Allee 25, bis 13.6., Di-So 10-18 Uhr).

Der gebürtige Duisburger hat über dreißig Jahre an der Universität der Künste Berlin gelehrt und seine Werke in sämtlichen Bezirken der Hauptstadt aufgestellt. Etwa den Bronzebogen an der Stelle der zerstörten Alten Philharmonie in Kreuzberg. Oder die Skulpturengruppe in der Moabiter Heinrich-Zille-Siedlung. Der Bildhauer weiß mit Stein umzugehen. Er kann ihn hart wirken lassen, blockhaft, abschreckend. Und er kann ihn glätten, butterweich, „Sieben Wirbel“ oder „Elfen“ nennen. Schoenholtz meißelt selbst einen Friedhof in feinstes Marmor. In Miniformat. Zuckrig-zart. Annabelle Seubert

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