KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Wir & ihr: Der RIAS-Kammerchor

trifft das Ensemble „Sarband“

Das Experiment verspricht viel. „Heilige Brücken“ heißt der Abend, an dem der RIAS Kammerchor mit dem orientalischen Instrumentalensemble „Sarband“ in der Heilig-Kreuz-Kirche Psalmvertonungen aus Judentum, Christentum und Islam einander gegenüberstellt. Die These: Zwischen den Religionen gibt es mehr musikgeschichtliche Inspirationen und dichtere Vernetzungen, als wir gemeinhin glauben. Dirigent Ud Joffe und Programmentwickler Vladimir Ivanoff lassen Chor und Instrumentalisten das Spannungsfeld von klanglichen Parallelen und kulturellen Eigenheiten zwischen Orient und Okzident veranschaulichen. Etwa bei den Vertonungen des 9. Psalms, wenn der Kammerchor die RenaissanceKomposition von Claude Goudimel singt – mit etwas wenig Glanz in den Sopranen zwar, aber dennoch einheitlich timbriert – und das Ensemble „Sarband“ zusammen mit dem Sänger Mustafa Dogan Dikmen in der arabischen Version aus dem 17. Jahrhundert antwortet.

Metrische Verschiebungen, modale und harmonische Beleuchtungswechsel, unterschiedliche Phrasierungen, all das kommt detailliert ans Licht, eben weil es oft nur kulturgeschichtliche Nuancen sind, die die Kompositionen trennen. In den besten Augenblicken wird das Programm zur erlebbaren Musikhistoriografie. Und dennoch: Man könnte das Experiment als gescheitert betrachten. Man könnte fragen, welchen Sinn all das hat, wenn es selbst in Kreuzberg nicht gelingt, auch die türkische Community in solch ein Konzert zu holen. Die Heiligen Brücken, bis ins 21. Jahrhundert sind sie noch nicht vorgedrungen. Daniel Wixforth

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben