KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Elektrisierend: Kristian Bezuidenhout spielt Mendelssohn

Wenn Gottfried von der Goltz, der Gründer und Konzertmeister des Freiburger Barockorchesters, zum Dirigentenstab greift, wird dennoch kein tyrannischer Maestro aus ihm. Für Beethovens „Eroica“ ist das allerdings schade: Zwar lässt von der Goltz jede Instrumentengruppe vorteilhaft zur Geltung kommen und gestaltet jeden Formteil mit Präzision und Leidenschaft. Doch zum zwingenden Ganzen fügen sich die sauber vernähten Abschnitte so nicht. Restlos überzeugt im Kammermusiksaal dagegen der Hammerklaviervirtuose Kristian Bezuidenhout, der Mendelssohns 2. Klavierkonzert von 1837 auf einem zeitgenössischen Erard-Flügel spielt. Auf einem modernen Instrument mit starker Saitenspannung und einheitlicheren Klangfarben müsste der Solist viel Energie darauf verwenden, dass brillante Passagen nicht kalt, die Höhen nicht zu hart die Tiefen nicht klobig wirken. Bezuidenhout hat sich von dieser unnützen Last befreit: Mit höchster Sensibilität für die in jeder Lage unterschiedlichen Klangfarben des romantischen Instruments, mit rhythmischem Feingefühl und einer geradezu elektrisierten Fingerfertigkeit führt er die gut 170 Jahre alte Mechanik zum Triumph. Carsten Niemann

ROCK

Bring deinen Körper in die Disco:

Die Sterne im Postbahnhof

Dem Münchner Mathias Modica verdanken Die Sterne ihre musikalische Runderneuerung. Doch dieser erweist sich mit dem Scheunendisco-Rock seiner eigenen Band Munk am 70. Geburtstag von Giorgio Moroder nicht gerade als würdiger Verwalter des Munich Sounds. Im gut besuchten Postbahnhof stellen sich die Hamburger da geschickter an, die ihre Affinität zu den federnden Grooves der Disco-Ära bekennen: Bei neuen Stücken wie „Deine Pläne“ oder „Nach fest kommt lose“ kann Frank Spilker die Diskurspop-Gitarre, sonst integraler Bestandteil aller Sterne-Songs, getrost an den Nagel hängen. Dafür bewegt er seinen Zweimeterkörper im Wechselschritt und fordert suggestiv: „Tanz den Burnout, tanz das Syndrom!“ Dass die von Thomas Wenzels Bass, Christoph Leichs Getrommel und dem Georgel des neuen Tastenmanns vorangepeitschten Songs nicht die Uhrwerkpräzision besitzen, die man von alten Disco-Aufnahmen gewöhnt ist, wird durch Enthusiasmus wettgemacht. Dabei setzen Die Sterne auf die Kontinuitäten ihrer langjährigen Karriere. Die Gassenhauer „Universal Tellerwäscher“ und „Was hat dich bloß so ruiniert“ scheppern wie eh und je. Doch der Generationswechsel ist im Gange: Als Spilker bei „Stadt der Reichen“ das Publikum zum Gemeinschaftstanz auf die Bühne bittet, tummeln sich dort fast ausnahmslos junge Hüpfer. Gut für Die Sterne. Nach zwei tollen Stunden gibt es eh keinen Dissenz: vieles neu, alles besser bei Hamburgs Disco-Prinzen. Jörg Wunder

THEATER

Die und du: „Für alle reicht es nicht“ in der Box des Deutschen Theaters

Ein Pärchen, das Zigarretten schmuggelt, ein panzerverrückter Waffennarr, ein verschlossener Transporter im Wald mit eingepferchten Menschen von ganz weit her. Dirk Laucke braut in seinem Stück „Für alle reicht es nicht“ eine Gemengelage zusammen, die nach dramatischen Entscheidungen geradezu schreit – denn es passiert fast nichts. In der Box des Deutschen Theaters hat Sabine Auf der Heyde nun den kargen Text inszeniert. Sie nutzt die schwarz gerahmte Bühne von Ann Heine als einen allumfassenden Ort der Verunsicherung, nur raffiniert eingesetzte Lichtwechsel holen unterschiedliche Geschehnisebenen aus dem Dunkel. Die Regisseurin besteht auf einem ruhigen, mitunter fast statuarischen Spiel, sie betont das Unbestimmte, Verhangene der Charaktere. Dafür schafft die Musik (Jacob Suske) mit dröhnender Erregung und mit leisen, melodischen Träumereien mehr als nur einen Rahmen – auch Vogelgezwitscher und Waldgeräusche sind zu hören. Am Schaltpult und mit mehreren Instrumenten ist Bernd Stempel der heimliche Regisseur – und als Panzerfahrer hat er zugleich die dankbarste Rolle. Zwischen Selbstmitleid, Begriffsstutzigkeit und Kraftmeierei liefert er das hinreißende Porträt eines Gescheiterten, der weitermacht. Katrin Wichmann (Anna), Paul Schröder (Jo) und Isabel Schosning (Ela, Chayenne, Martina) geben dem Abend an der Seite des weichherzigen Angebers nachdenkliche Hochspannung (wieder am 3. und 20. Mai). Christoph Funke

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