KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Gerd Hartmann

CHANSON

Trallala vom Blatt:

Georgette Dee im Tipi

Der Herr am Kontrabass trägt Cordjeans, die Diseuse kommt auf Strümpfen daher. Ihre schwarzsamtene Robe hängt wie ein Vorhang an ihr herunter. Georgette Dee feiert ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Und alles ist wie immer. Keine Galaatmosphäre, kaum eine Geschichte aus ihrer Karriere und noch viel weniger eines der Lieder, die sie berühmt gemacht haben. Die Merkwürdigkeiten des Lebens waren immer schon ihr Thema, und davon erzählt sie auch an diesem Abend. Da spielt auch das Älterwerden eine Rolle. Dass sie die Fünfzig überschritten hat, daraus muss sie kein Hehl machen. Denn jung war diese Antidiva, bei der hinter der ganz großen Leidenschaft stets der Absturz lauert, sowieso nie. Und so kriegt auch Gevatter Tod manch sarkastische Seitenbemerkung ab. Auch der Schlager, musikalische Leitwährung dieses Abends, ist bei Georgette Dee ein Chansong, mit g am Schluss. Bei „Sound of Silence“ zupft ihr formidables Mini-Begleitorchester aus Gitarre und Kontrabass (Roland Cazebas, Jürgen Attig) leise die Akkorde. Dee fängt ganz verhalten an, stürmt dann mit wehenden Armen ins Pathos und kiekst die letzten Töne. Die Achterbahn des Lebens in einem Lied. Selbst ein Roland-Kaiser-Song wird so zum Statement über die Liebe. Und wenn Dee tatsächlich einen Gute-Laune-Schlager anstimmen will, muss sie erst hinter der Bühne den Text suchen. Trallala geht nur vom Blatt. Hinter den Schwaden der Zigaretten, die sie raucht, hinter all ihren Geschichten, die das Märchen direkt neben dem Alltag suchen, glimmt immer die gesamte menschliche Existenz auf. Gut so (bis 2. Mai im Tipi am Kanzleramt, Di–Sa 20, So 19 Uhr). Gerd Hartmann

KLASSIK

Gesang der Bratschen:

Die Philharmoniker mit Barenboim

Der Jubel des Publikums korrespondiert bei der Phonstärke mit den finalen Akkorden der Ersten von Brahms, die Daniel Barenboim angefeuert hat. Gemeint ist hier nicht nur die Lautheit des Schalls, sondern auch ihr Wesen. Die Berliner Philharmoniker sind dem Dirigenten in künstlerischer Partnerschaft so zugetan, dass sie ihm auf ihre animierteste Weise folgen. Das betrifft die Elastizität der Zeitmaße wie auch in der c-Moll-Sinfonie die romantische Aura. Wenn der Komponist, angesprochen auf die Nähe seines C-Dur-Themas zu Beethovens Neunter, bemerkt hat, „dass das jeder Esel gleich hört“ – so ist Brahms eben auch neu und eigen. Das Hornsolo, das wie eine Botschaft vom Himmel in die Dunkelheit einbricht, gefolgt von Choral und Triumph, das hat keine Parallele. Und es reißt die Interpretation noch einmal in die Höhe, weil Stefan Dohr mit der einst Clara Schumann zugeeigneten Melodie fasziniert.

Überredungskunst indes ist nötig, um die Seele von Elgars Cellokonzert zu erfassen. Barenboim begleitet auswendig. Alisa Weilerstein spielt integrationsbereit, mit bravem Espressivo, empfindsamen Piani. Matt bleibt die klangliche Dimension, mit ihr die solistische Kraft. Wie ein kostbares Unikat wirkt indes das Vorspiel zum dritten Aufzug der „Meistersinger“, wenn es am Anfang eines Konzertes steht und der Mensch nicht schon mehrere Wagnerstunden hinter sich hat. Der „melancholische“ Gesang der Celli und Bratschen, von Barenboim modelliert, der kostbare „Wach auf“-Chor der Bläser: Was für ein Porträt des Hans Sachs und seiner „Wittenbergisch Nachtigall“! Sybill Mahlke

JAZZ

Totenmesse für die Lebenden:

Don Berglund im Postbahnhof

Das schwedische Esbjörn Svensson Trio (e.s.t.) war eine der unkonventionellsten Jazzformationen der letzten Dekade, deren Erfolgsgeschichte jäh mit Svenssons Unfalltod im Juni 2008 endete. Jetzt führt Bassist Dan Berglund das Erbe des Trios mit seinem Quartett Tonbruket fort und geht noch einen Schritt weiter: in Richtung experimentellen Rock. Im Postbahnhof entfacht die Band ein hypnotisches Spiel mit sattem Groove, das in seinen Melodien und Harmonien jede Menge lyrische Kraft entfaltet. Neben Berglund, der den Kontrabass zupft und schlägt oder mit sanftem Bogen streicht, wechselt Gitarrist Johan Lindström energetisch zwischen Gibson und Pedal-Steelguitar. Keyboarder Martin Hederos lässt es elektronisch knistern, bedient ein Harmonium, setzt sich ans Klavier, bläst in eine gestopfte Trompete, während Schlagwerker Andreas Werliin seine Drums mit einer Rassel bearbeitet. Anklänge an Yes oder Radiohead wehen durch den Saal, doch in seiner Power erinnert Berglund, der sich gerne auf seine Hard-Rock-Vergangenheit besinnt, vor allem an den amerikanischen Jazzgitarristen Rick Peckham. Nach einer guten Stunde dann die Zugabe „Song for E“: eine zarte Hommage an Esbjörn Svensson, die durch das Harmonium wie eine feierliche Messe wirkt. Roman Rhode

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