KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Sparsam: Orchestra of the Age

of Enlightenment in der Philharmonie

So schlank war die Marienvesper noch nie: 20 Sänger, 16 Instrumentalisten inklusive Dirigent Robert Howarth, der an der Orgel sitzt – das lässt sich kaum unterbieten. 2009 hatten das Orchestra of the Age of Enlightenment und der assoziierte Choir of the Enlightenment Bachs Matthäuspassion im Konzerthaus auf die gleiche Weise entschlackt. Nun also Monteverdi. Der verblüffende Effekt: So kraftvoll, so von religiösem Eros durchdrungen klingt die 1610 in Venedig veröffentlichte Vesper selten. Diät macht eben stark.

Schade, dass die Philharmonie keine Kathedrale ist an diesem Abend mit dem selbst verwalteten britischen Alte-MusikEnsemble, das mit historischen Instrumenten und ohne festen Dirigenten arbeitet. Nicht nur, weil die trockene Akustik eine Saite der jubilierenden Geige von Konzertmeisterin Alison Bury zum Reißen bringt, sondern weil die polyphonen Wechselspiele, Doppelchöre und Echo-Effekte noch üppigere Resonanz bräuchten. Da singen mal zwei, mal drei, mal vier zusammen, der homogene Gesamtklang grundiert die Einzelauftritte. Vor allem im „Exultent caeli“ und im „Magnificat“ besticht diese Basisdemokratie: Jeder tritt als Solist auf, kehrt gerne wieder ins Kollektiv zurück und zieht das Gespräch dem Monolog allemal vor. So will man nicht nur den betörenden Sopran von Grace Davidson, sondern überhaupt jeden Musiker einzeln nennen, denn trotz Beibehaltung der vibratolosen Originalklangtechnik sind es höchst unterschiedliche, klar profilierte Charaktere, die ihre Stimmen erheben. Der Scheue, die Forsche, der Überschwängliche: die Marienvesper als Feier des menschlichen Maßes. Man wünschte sich, auch Gesellschaft ließe sich so organisieren. Christiane Peitz

KAMMEROPER

Noch sparsamer: Strawinskys

„Geschichte vom Soldaten“

Im Ersten Weltkrieg fielen schon genug Bomben, mag sich Igor Strawinsky gedacht haben, da braucht es nicht auch noch eine bombastische Oper. Dass sein Kammerstück „Die Geschichte vom Soldaten“ mit nur sieben Instrumenten auskommt, hat freilich noch einen ganz pragmatischen Grund: Viele Musiker mussten 1917 auf den Schlachtfeldern kämpfen. Das Märchen vom Soldaten, der seine Geige mit den Teufel tauscht gegen ein Buch, das die Zukunft vorhersagen kann, wurde jetzt von sechs Berliner Philharmonikern für das Label Phil.harmonie eingespielt und im Kammermusiksaal noch einmal aufgeführt. Scharfkantig meißeln die Musiker mit Klarinette, Fagott, Trompete, Posaune, Kontrabass und Schlagzeug die expressiven Rhythmen und Melodien des frühen Strawinsky heraus. Dominique Horwitz als Erzähler setzt dem einiges entgegen. Er schlüpft mühelos in mehrere Sprechrollen und brilliert als listig-verhuschter, kauziger Teufel. Zentrum des Abends aber ist Kolja Blacher, der für die Geige des Soldaten besetzt ist und bereits anfangs in der „Sonatine pour violon et percussion“ von Pierre Metral seine Kunst zeigt, kleinste Klangfarbennuancen mit Feinzeichner lebendig zu machen. Auch bei Strawinsky zaubert er mit Tönungen und Kontrasten – ein Spiel, das ganz ohne Attacke, ohne Tatze auskommt, dafür aber umso aufgeweckter und detailsensibel. Udo Badelt

KLASSIK

Verschwenderisch: Beethovens Violinsonaten im Radialsystem

„Man braucht die einzelnen musikalischen Schönheiten der Sonaten op. 12 nicht zu unterschätzen und wird doch erkennen, mit welch gefälliger Anschmiegsamkeit an den Zeitgeschmack und das Fassungsvermögen der Liebhaber sie ausgeführt sind.“ Leicht herablassend kommentierte Paul Bekker 1911 die frühen Violinsonaten Beethovens. Ganz anderer Meinung war der erste zeitgenössische Rezensent, der vor den „mit seltsamen Schwierigkeiten überladenen Sonaten“ kapitulierte. Wie man Anmut und Experiment schlüssig vereint, zeigen Isabelle Faust und Alexander Melnikov im Radialsystem, wo sie noch bis heute ihren erfolgreich auf CD eingespielten Zyklus aller Violinsonaten Beethovens live vorstellen. Zum Auftakt bieten sie einerseits Stücke von so extrem hoher Materialdichte, dass man sie, wie so manches Beispiel neuer Musik, gleich noch ein zweites Mal hören will. Wobei Isabelle Faust faszinierend mehrdimensionale Emotionen präsentiert: Setzt sie einen Forteschlag mit der Wucht eines Prankenhiebs, dann bleibt erkennbar, dass es sich um den lässigen Hieb eines dösenden Löwen handelt. Für Witz und Anmut des Vortrags sorgt die betont dialogische Musizierhaltung, mit der Faust und Melnikov auch den differenziertesten Gefühlsausdruck des Partners spontan nachzuahmen wissen. Carsten Niemann

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