KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Kaltes Feuer: Susanna Mälkki

dirigiert das DSO

Sie bewahrt einen kühlen Kopf, noch im wildesten Jahrmarkttreiben von Strawinskys „Petruschka“. Die finnische Dirigentin Susanna Mälkki, erstmals am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters, betreibt Studien über Kollektive und wie man sie kontrolliert, über das Orchester als Kraftwerk der Gefühle und die Domestizierung musikalischer Urgewalten. Ein intelligent zusammengestelltes Programm: Mozarts frühe g-Moll-Symphonie Nr. 25, Strawinskys Ballettmusik „Petruschka“ und dazwischen „Dirty Angel“, das soeben in München uraufgeführte neue Werk von Bernhard Gander, ein Urgewitter mit Freejazz-Einlagen von Akkordeon (Krassimir Sterev) und Flügelhorn (Anders Nyqvist), durchsetzt von stufendynamisch forcierten Energieschüben, Glissandowellen und Himmelfahrtskommandos der Streicher. Das raunt und sirrt, mehr Krach als Klang, selbst die Triangel wird behende ihres Nachhalls beraubt.

Mozarts Unisono-Synkopen zu Beginn des Allegro con brio geben die Gangart vor. Dies wird ein Abend mit hohem Geräuschanteil. Schlag auf Schlag, kurzes Nachbeben, Ornament der Masse, Einzelstimmen auf verlorenem Posten. Mozarts Andante gerinnt zum Allegro in Zeitlupe, mit einem wie unter dem Mikroskop zerfließenden Figurenwerk. Bei Strawinsky schließlich wird es dann doch zu sportlich, wenn Mälkki die im Kirmesbudenzauber versprengten Individuen mitleidlos übergeht. Akkurat beharrt sie auf dem Unerbittlichen der Spieluhr-Mechanik. Bloß keine Fratzen, bloß kein Wahn: Die der Musik innewohnende Gewalt entfesselt sie leider nicht. Christiane Peitz

FOTOGRAFIE

Bunter Osten: Frank Gaudlitz

in der Guardini Galerie

Spitzendeckchen und Marienbildchen. Blümchentapeten und Emailletöpfe. Schon die Einrichtung erzählt eine Geschichte über osteuropäische Kultur. Die Plastikorchideen neben der Ungarin, die Plastiktischdecke neben der Serbin. Sie lassen die Frauen so sein, wie sie sind. Zwei Jahre reiste der Fotograf Frank Gaudlitz durch verschiedene Regionen Osteuropas und porträtierte Menschen. In ihrem schönsten Zimmer. Ihrer liebsten Kleidung. Herausgekommen ist eine kunstvolle Persönlichkeitsstudie, quer durch die Altersschichten. Eine behutsame Dokumentation ländlichen Lebens, das von Globalisierung und Industrialisierung überrollt zu werden droht.

„Casa Mare – Der große Raum“ (Guardini Galerie, Askanischer Platz 4, bis 13. Juni, Di–Fr 14-19 Uhr) zeigt zum Beispiel Dumitru, 66, aus Rumänien. Er steht vor einer gelben Wand, hat sich einen Strohhut aufgesetzt und Hosenträger angelegt. Die Hose spannt ein wenig, den Arm winkelt er an. Ein gemütlicher Typ, den man sich gut beim Mittagsschlaf vorstellen kann. Florin ist auch Rumäne, allerdings über 30 Jahre jünger. Er steht breitbeinig vor einer hellblauen Wand, trägt Jogginghose, Muskelshirt und Tattoos. Und ballt die Hand. – Frank Gaudlitz lässt den Menschen Platz. Er fotografiert sie aus leichter Untersicht. So macht er sie etwas größer, als sie sind. Und etwas größer als sich selbst. Annabelle Seubert

OPER

Starker Bass: Verdis Erstling

„Oberto“ im Radialsystem

Was London kann, kann Berlin schon lange, dachte sich der Dirigent Felix Krieger, als er vor einigen Jahren bei der Chelsea Opera Group einsprang. Seit 1950 stemmen dort Amateure und Profis gemeinsam jährlich drei Opern. 2007 entstand der Verein „Berliner Operngruppe“, nun führte er, nach drei intensiven Probenwochenenden, seine erste Arbeit konzertant im Radialsystem auf: Verdis Erstlingswerk „Oberto“. Gewiss schleppt da noch manches im Orchester, das zur Hälfte aus Amateuren besteht. Dem ganzen Klangkörper fehlt es noch an Agilität, und Krieger hat viel damit zu tun, die Dynamik zu kontrollieren. Doch angesichts der kurzen Probezeit machen die Musiker ihre Sache gut, der Herrenchor (weniger die Damen) singt mit eindrucksvoller Flexibilität. Hinzu kommen professionelle Sänger – ohne sie gelingt kein Opernexperiment. Leonardo Gramegna als Riccardo überflutet den Saal mit starkem, manchmal fast zu massivem Power-Tenor. Dass er damit auch Schwächen überdeckt, wird in den leisen Partien deutlich. Er findet seinen Meister in Francesco Ellero d'Artegna, der für die Titelrolle des Ritters Oberto einen kräftigen, fundierten Bass mitbringt. Christine Knorren und Katja Lytting formen die Partien der Konkurrentinnen Leonora und Cuniza mit tiefen, dramatischen Sopranstimmen. Ein insgesamt starker Abend, der im frühen schon den reifen Verdi aufleuchten lässt. Mehr davon. Udo Badelt

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