KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Virtuos: Ein ungarischer Abend

mit den Berliner Philharmonikern

Kunst darf niemals stehen bleiben, sonst ist sie keine mehr – so könnte das Motto des ungarischen Abends in der Philharmonie lauten. Denn Franz Liszt, György Ligeti und Béla Bartók haben jeder auf seine Weise musikalische Gattungen weiterentwickelt, wenn nicht neu erfunden. Trotz ehrenwerter programmatischer Absichten zerfällt das Konzert in zwei Hälften. Unter David Robertson spielen die Philharmoniker den „Orpheus“ nur mit verhaltener Farbigkeit. Dass Robertson vor allem Neue-Musik-Experte ist, wird im Violinkonzert von Ligeti (1992) deutlich: Das Orchester-„Dickicht“ des zweiten Satzes gelingt hervorragend, die aggressiven Einwürfe der einzelnen Instrumente im dritten ebenso. Doch das hilft wenig: Solist Renaud Capuçon agiert – trotz aller Virtuosität, etwa bei der Kadenz im letzten Satz – nicht entschlossen genug. Sein Klang bleibt brav und zahm, allzu häufig wird er vom Orchester geschluckt, was sicher auch Prinzip ist, aber nicht ständig. Bartóks kunstvoll balkaneske Suite „Der holzgeschnitzte Prinz“ nach der Pause entschädigt für manches: wohlig tiefe Streicher, sauber geführte Bläser, ein transparenter Klang, der auch im Fortissimo nicht knallig wird oder verschwimmt, sondern glasklar die Strukturen ausstellt, mit denen Bartok die Entfremdung spätromantischer Musik von jeder Natürlichkeit überwinden wollte. Udo Badelt

KLASSIK

Weltweise: Violeta Urmana

im Kammermusiksaal

Ihre Kunst kommt direkt aus dem Herzen, und das ist vielleicht das Größte, was man über eine Sängerin sagen kann. Mit lupenreiner Technik, schlackenlos durch alle Register hindurch, schwingt sich die litauische Sopranistin Violeta Urmana an diesem (erschreckend spärlich besuchten) Abend von Poulenc über Duparc, Mahler, Strauss und Rachmaninow bis zu ihren Zugaben. Am Schluss: „Vissi d’arte“ aus Puccinis „Tosca“, im Andenken (wie Urmana in tadellosem Deutsch formuliert) an die große Giulietta Simionato, die just an diesem Mittwoch im Alter von fast 100 Jahren gestorben ist. Man merkt: Das dramatische Fach ist Urmanas Wille, Wunsch und Sehnsucht, längst singt die einstige Mezzosopranistin Ariadne, Leonora, Isolde. Die Höhe dazu hat sie, doch ob diese auf Dauer frei genug ist, das nötige Spiel nach oben besitzt, bleibt fraglich. Schön und mutig, wie Urmana sich mit Poulencs „La Fraîcheur et le feu“ in Stimmung bringt, sehr innig, sehr schlicht ihre „Repose“-Rufe in Duparcs „Phidylé“. Es gibt sicher elfenhaftere, obertonreichere, atmosphärischere Stimmen. Die ätzende Idiomatik aber, mit der Urmana Mahlers Wunderhorn-Lieder ins Mark trifft, generiert Gänsehaut – so unprätentiös, so frisch von der Leber weg und doch weltweise hat man „Wo die schönen Trompeten blasen“ selten gehört. Schade, dass Jan Philip Schulze am Klavier rhetorisch bisweilen über die Stränge schlägt. Mit Strauss ist Urmana etwas schnell fertig, überhaupt könnte sie sich mehr lyrische Ruhe gönnen und einige Fortissimi weniger. Bei Rachmaninows schaurig-traurigen Romanzen gelingt ihr das in Vollendung, hier ist sie ganz bei sich und bei uns. Christine Lemke-Matwey

POP

Eruptiv: LCD Soundsystem

in der Münze

Wozu braucht ein großer Refrain große Worte. „Pow! Pow Pow Pow Pow!“: Eruptive Bekundungen körperlicher Anwesenheit genügen, um den Saal zu unterhalten, immer auf den Punkt begleitet von einem 8-Bit-Schießgeräusch. In den Strophen plaudert James Murphy aus seinem Alltag, lässig vorangetrieben vom geschmeidig knarrenden Bass, zischenden Hi-Hats und dem Fiepen analoger Synthie-Apparatschaften. Etwa wie er neulich vom legendären New Yorker Nachtleben-Chronisten Michael Musto blamiert wurde. LCD Soundsystem, die ihr drittes Album „This Is Happening“ präsentieren, stehen mit ihrem Baukasten-Disco-Punk für eine erfrischende Abrüstung der Originalitäts-Imperative im Indie-Pop. Mit seinem alten kastenförmigen Handmikrofon wirkt James Murphy wie ein David-Bowie-Interpret beim Karaoke. Immer wieder tritt er ans Percussionset oder schlägt die Agogo. Das eineinhalbstündige Konzert mit siebenköpfiger Band beim (noch bis heute laufenden) „Melt Club Weekender“-Festival in der alten DDR-Münzfabrik ist Planübererfüllung, verschwenderisch wie jede einzelne der hypnotisch geschichteten Nummern. Am Ende kommt noch Hot- Chip-Gitarrist Al Doyle hinzu, um nach der Anti-Bloomberg-Hymne „New York I Love You“ mit einer schmelzigen Kurzversion von Jay-Zs „Empire State Of Mind“ zu enden. Kolja Reichert

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