KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

POP

Babyface und Bariton:

Get Well Soon in der Volksbühne

Der Abend beginnt mit großem Staunen, kleinem Ärgernis: Wo sind denn die Stuhlreihen im Saal der Volksbühne hin? Die sind einfach weg. Dafür gibt es zur Entspannung Vogelgezwitscher aus dem Wald von Erolzheim. Das ist das Dorf in Oberschwaben, aus dem Konstantin Gropper stammt, der Chef von Get Well Soon. Der Sound der um ein „Grand Ensemble“ verstärkten Band ist bombastisch: Basstuba, Posaune, Trompeten, Geigen, Cello auf der Hinterbank. Bass, Keyboards, Schlagzeug im Mittelfeld. Und vorne die Geschwister Verena und Konstantin Gropper. Der Sänger arbeitet in seine Moderation Philosophisches ein, über Seneca und die Stoa. Und pendelt zwischen Pop und Bildungsmusik, Bescheidenheit und Posen, Babyface und tiefem Bariton, leichten Melodien und schwerem Schwulst. Wobei ihm die Schwester immer zur Seite steht mit Geige und Vibrafon, Glöckchen und sirenenhaften Huh-Huhs. Die Band spielt makellos, der Sound ist exzellent, die Songs sauber gearbeitet, die Arrangements ausgefeilt. Ordentliches Handwerk, wie man es offenbar an der Mannheimer Pop-Akademie lernen kann, wo Gropper ein Studium in „Popdesign“ abgeschlossen hat. H.P. Daniels

KUNST

Charisma und Chaos:

Lutz Dammbeck im Bundestag

Der Mensch ist ein Produkt. Abgepackt. Versiegelt. Standardisiert. Die Körperteile, das Ohr, die Hand, der Fuß, wie sie in billigen Kopien an der Wand hängen – sie könnten jedem gehören. Die Schreibtische, wie sie in einer Linie aufgereiht und mit Computerbildschirm, Tastatur und Stift ausgestattet sind – an denen könnte jeder sitzen. Die Moderne verschluckt das Individuum. Lutz Dammbeck will zeigen, wie gefährlich und manipulativ sie ist. Seit Beginn der Achtziger vereint der Künstler Film, Skulptur, Performance und Malerei zu dem Gesamtwerk „Herakles Konzept“. Er sammelt Fotografien und Archivalien, klebt sie übereinander, kritzelt darauf. Er stellt Wissenschaft neben Kunst und Technologie. Er verurteilt Kontrollstaat und Reizüberflutung. „Atlasmacher“ heißt seine Ausstellung im Deutschen Bundestag (Kunst-Raum im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Schiffbauerdamm, bis 11.7., Di-So 11-17 Uhr): Dammbecks Ausdruck für eine Gesellschaft, die ein Muster im Chaos sucht. Welche Auswirkungen das haben kann, stellt er unverfroren dar. In einem Kasten etwa, in dem eine ausgestopfte Rennmaus sitzt. Sie ist mit Nadeln übersät. Kalt und grob, diese Sammlung. Zwei Eigenschaften, mit denen Dammbeck mehrfach konfrontiert wurde. In der DDR vom Regime angefeindet, wurde er Regisseur. Annabelle Seubert

POP

Latex und Liebeslieder:

Die Residents im Huxleys

„I believe in ghosts“, krächzt eine Altmännerstimme, die sich hinter einer Latexmaske verbirgt. Der dazugehörige Körper steckt in einem gestreiften Bademantel, wie ihn auch die Fernsehfigur Dittsche trägt. Randy nennt sich der Kauz, der im bestuhlten Huxleys durch eine Wohnzimmerkulisse mit künstlichem Kaminfeuer stapft und nun seine beiden Mitstreiter vorstellt, die mit ihren Kopftentakeln wie Aliens aus einem billigen Science-Fiction-Film aussehen: Bob an der Gitarre und Chuck am Keyboard. Mittlerweile sind sie nur noch zu dritt: The Residents aus San Francisco. Eine Band, die seit vierzig Jahren an Obskurität glaubt und darüber eigene Theorien entwickelt hat. „Talking Light“ nennt sich ihr neues Programm, eine lose Aneinanderreihung von Geistergeschichten, deren anarchischer Humor an die Simpsons und John Waters erinnert. Dazu produzieren die Musiker einen zappeligen Industrial-Blues, der alles andere als eine Offenbarung ist. Doch selbst wenn man die Musik nur noch grausam findet, schimmert beim Klamauk auch etwas von dem durch, was die Hermetiker, die früher ihre Identität hinter Augäpfelmasken verbargen, stets ausgezeichnet hat: trockener Surrealismus. Volker Lüke

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