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KLASSIK

Kammermusiksaal: Martin Stadtfeld versucht sich an Beethoven

Dieser Mann hat seine Fans, aber der Ruf des Shooting-Stars wird ihn nicht ewig tragen. Nach dem Gewinn des Leipziger Bachwettbewerbs, dem spektakulären CD-Debüt mit den „Goldbergvariationen” und etlichen Echo-Preisen bürstet Martin Stadtfeld im Kammermusiksaal Bach immer noch gegen den Strich. Ob er in den „Zweistimmigen Inventionen“ die Bässe in Nr. 12 eigenmächtig oktaviert, die motorische Nr. 3 in d-Moll ganz zurücknimmt oder die melodiöse Nr. 13 in a-Moll herunterrast – das ist durch die Bachsche Interpretationsfreiheit noch gedeckt. Pseudofrech aber, wie er phrasierungslos durch viele Nummern stürmt, manches durch mangelnde Abgrenzung von Haupt- und Nebenstimmen bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Keine Spur von Kontrapunktik. Schweigen wir über seine knallig aufgesetzten Fortes und das wattig-farblose Linke-Pedal-Piano – es sind Stadtfelds einzige Farben. Er hat sie auch für Brahms und Beethoven vorgesehen.

Jubel umtost ihn nach Beethovens Opus Magnum, der Klaviersonate op. 111. Da gewittern im Kopfsatz plump und lärmend Unisono-Figuren. Die „Arietta“ tritt auf der Stelle, und später leistet sich Stadtfeld erhebliche Schnitzer in Tempo und Rhythmik. Die „himmlischen“ Triolen bleiben etüdenhaft unakzentuiert – Beethoven klingt plötzlich wie Czerny. Isabel Herzfeld

AUSSTELLUNG

Musikinstrumentenmuseum:

Berlins Musikkultur um 1810

Der musikalische Alltag einer Großstadt um 1810 ist nicht gerade das Futter für jene Heroengeschichtsschreibung, die unsere Erinnerungskultur noch immer dominiert. Was die Studenten des Instituts für Musik- und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität sowie das Staatliche Institut für Musikforschung nun erforscht haben, ist aber auch so faszinierend genug für ein breiteres Publikum. Die Ausstellung „Musik in Berlin um 1810“ im Musikinstrumentenmuseum zeichnet übersichtlich, verständlich und facettenreich das Bild einer Musikkultur, die sich nach den napeoleonischen Umbrüchen nicht mehr auf Kirche und Staat verlassen kann, sondern wesentliche Impulse vom Engagement der Bürger erhält. Lebendig wird der Rundgang durch die Theater und Salons, Gassen und Gossen durch die von den Studenten eingesprochenen und eingespielten Tondokumente. Statt der kitschigen Soundtracks, mit denen derzeit so manche Luisen-Doku überzuckert wird, kann man hier beispielsweise die a-capella gesetzte Trauerkantate für die preußische Königin hören. Dass in den Hinterzimmern der Biedermeierstadt auch noch weitaus explosiveres Pulver lagerte, das führten die jungen Profimusiker des Klaviertrio Imàge eindrucksvoll am Beispiel des „Grand Trio“ E-Dur von E.T.A. Hoffmann vor (bis 15 Juli, Di–Fr 9–17. Do bis 22, Sa/So 10–17 Uhr). Carsten Niemann

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