KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Gerd Hartmann

VARIETÉ

Wintergarten: Hommage an

die wilde Stadt Berlin

In jeder Show ein Stück Berlin-Gefühl auf die Bühne zu bringen – das hat sich der Wintergarten seit seiner Wiedereröffnung auf die Fahnen geschrieben. Mit Meret Beckers Varietérevue gelang das auf Anhieb – und wunderbar versponnen. Beim zweiten Streich ist der Zugriff direkter: Gleich im ersten Bild stolpert der Berliner Bär mit Goldkrönchen über die Szene, Müllmänner fegen die Reste der letzten Nacht vom Trottoir, und Touristen fotografieren den wilden Metropolenmorgen. Am Bühnenportal ein blumenkastenbewehrter Balkon. Von dort aus unterlegt eine DJane die Nummern. Wenn das Grammofon die schönsten Beine von Berlin preist, ragen dieselben aus einer Mülltonne. Sie gehören Nata Galinka, die damit eine fulminante Fußjonglage vollführt. Zwar werden in den slapsticksatten Zwischenchoreografien von Cabaret bis Mauerfall so ziemlich alle Berlin-Klischees verwurstet. Dafür sind die Akrobatiknummern innovativ. Da beturnt Eike von Stuckenbrock eine lebensgroße Puppe, und Kati und Philipp erzählen die bittersüße Lovestory vom Mädchen aus Ostberlin, indem sie sich hoch in den Lüften aus ihren Tüchern rollen. Die jungen Artisten haben ihre Ausbildung fast alle an den einschlägigen Schulen der Stadt absolviert. Und sie gieren danach, ihr Können zu zeigen. Diese Energie überträgt sich. Berlin ist ein brodelnder Vulkan – mit tanzenden Bällen und einem kopfüber hängenden Fahrradkurier. (Bis 12. Juni, Mi –Sa 20 Uhr, So 18 Uhr) Gerd Hartmann

POP

Soul aus dem Technogelände:

Jamie Lidell im Festsaal Kreuzberg

Jamie Lidell hat eine niedliche männliche Backing Band. Die Schellenkränze schlagend, geben die beiden schlaksigen Jungs in Batik-T-Shirts, die zuvor Gitarre, Bass und Tasten bedienten, zum Ende des gefeierten Konzerts im Festsaal Kreuzberg summend die Soul Sisters, immer leicht neben der Rolle. Der Drummer brummt den A-Capella-Bass, und Lidell chantet in Umkehrung der Soul-Versprechen von einst: „Music Will Not Last“. Natürlich wird Musik überleben, vor allem wenn sie so intelligent ihre Gemachtheit reflektiert wie bei Lidell, dessen Neo-Soul aus seinen Anfängen als Techno-Produzent geboren ist. Nichts will hier Ewigkeit. Wenn der Sänger am Ende des Otis-Redding-mäßigen „Multiply“ zärtlich raunend „U-huus“ hinterhersendet, steht er gewissermaßen neben seiner Rolle als Sänger. Ständig wechselt die Musik die Richtung, von Gniedel-Soul zu Breakbeats zu Led-Zeppelin-Riffs, ständig wechseln auch die Mittel: Mal bearbeitet der filigrane Jazz-Drummer mehr die Gehäuse als die Felle, mal tritt er mit Umhänge-Rhythmuspad ans Mikro. Der in Berlin lebende Musikerfreund Mocky kommt für „Another Day“ an die Orgel, und Lidell gibt Solo-Einlagen mit live gesampelter Beatbox – zu selten leider. Liegt es an der Liebe, die er fand? Liegt es an Beck, der das überfrachtete, am Donnerstag erscheinende neue Album produzierte? Lidell ist live für seine Spontaneität berüchtigt. Die wirkt diesmal sehr geplant. Kolja Reichert

KUNST

Tintenkleckse aus Tokio:

Angelik Riemer im Freien Museum

Sie malt einen Punkt, dann einen Bogen, und das war’s. Den Rest überlässt Angelik Riemer dem Zufall. Die Künstlerin aus Kiel wartet, was die Nacht aus ihrem Gemälde macht. Wenn sie aufwacht, ist der dunkelblaue Hintergrund meist mit dem mittelblauen Fleck verschwommen. Dank der weichen Formen und verfließenden Farben weiß man oft nicht genau, wo ein Bild anfängt oder aufhört. Vor allem, weil Angelik Riemer ihre Leinwände mal so positioniert, dass die Bögen einen Kreis formen und zusammenpassen. Und mal so, dass die Bögen voneinander wegstreben. Was den Betrachter verwirrt, scheint die Malerin zu beabsichtigen. Sie versteht das „Erfühlen“ als eigentliches Thema der Kunst. Dass jeder etwas anderes in ihren Arbeiten sieht. Dass sich jede Arbeit von selbst verändert. Passend daher, dass ihre Ausstellung im Projektraum des Freien Museums „inside-out / outside-in“ heißt (Potsdamer Str. 91, bis 15.5., Mi–Fr 12–19 Uhr). Den Überraschungseffekt lässt sich die ehemalige Meisterschülerin von Hann Trier auch nicht bei ihren Zeichnungen entgehen. So saß sie einmal im elften Stock eines Hotels in Tokio und schaute aus dem Fenster. Mit roter Tinte skizzierte sie Gebäude, Straßen und Lichter der Stadt – ohne auf das Blatt zu sehen, auf dem sie herumkritzelte. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß wirr. Und zart zugleich. Annabelle Seubert

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