KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Auf dem Klangteppich:

das DSO in der Philharmonie

Ein Programm nach Metzmacher’schem Gusto, obwohl der scheidende Chef des Deutschen Symphonie Orchesters nicht selbst am Pult steht. Viel Vermittlungsgespür braucht es, um nachromantische Scheidewege aus Frankreich und Amerika aufzuzeigen, um Namen wie Henri Rabaud und Samuel Barber im Ohr zu platzieren. Wenn Leonard Slatkin am Ende in der Philharmonie gefeiert wird, dann hat die Vermittlung funktioniert. Henri Rabauds „La procession nocturne“, diese ultrakonservative, nein rückwärtsgewandte symphonische Dichtung von 1899 führt Slatkin im ersten Satz mit so viel Ruhe, dass man sich in den Klangteppichen verliert, den Wunsch nach Fortschrittlichkeit fast vergisst. Zumal Ravels Klavierkonzert in G-Dur danach als kontrastive Setzung zu verstehen ist: impressionistische Süße statt klassizistischer Schönheit. Das sieht auch Jonathan Bess so. Wie auf Zucker kommen seine Themen im Allegramente daher, selbst die Staccato-Läufe schweben. Was im Solobeginn des zweiten Satzes von innerer Spannung zusammengehalten wird, klingt im Presto nach Beliebigkeit. Und Slatkin? Der hat danach seine Ruhe über Bord geworfen. Zu massig-massiven Ausdrücken treibt er das DSO in Samuel Barbers Symphonie von 1936: mit synkopischen Aufgeregtheiten im zweiten, mit schwülstiger Streicherschwere im dritten Satz. Sehr viel spätromantische Dekadenz, die durch einen kühl-reflexiven „Amerikaner in Paris“ ihr Korrektiv erst bei Gershwin findet. Daniel Wixforth

GOSPEL

In Stretch gestopft:

Our Lady J in der Bar jeder Vernunft

Sind Gospel-Songs per definitionem religiös? Seit Our Lady J mit elf Jahren beschloss, kein Junge mehr zu sein, steht sie mit der Kirche auf Kriegsfuß. Ein neuer Gospel musste her. „Gospel for the Godless“ heißt das Programm der New Yorkerin. Den Chor stellen die „Dreams“, zwei Sänger. Deren Kopfstimmen harmonieren perfekt mit dem Tenor der Sängerin. Vor allem bleibt das Outfit der beiden „Dreams“ in Erinnerung: knallenge Stretchhosen. Zwischendurch gibt Our Lady J Geschichten zum Besten, jede spielt auf ihre Transsexualität an. Das gefällt, wirkt aber schnell alt. Schöner wären weitere Lieder wie Dolly Partons „Just because I’m a woman“. Hier steht die Musik im Vordergrund, das Publikum in der Bar jeder Vernunft lacht doch ob der Zweideutigkeit. Am Ende zerstört die Vorschau auf das nächste Album die Atmosphäre. Eine neue Technik lässt die Stimme weiblich und dank Hall-Effekt beliebig erscheinen. Lass uns Gott mit Gospel-Songs preisen, um dieses Album zu verhindern. Wie häufig gibt es 150 Prozent Weiblichkeit gepaart mit einer wohlklingenden Tenorstimme? Laura Backes

MUSIKTHEATER

In Schuld verstrickt:

Cheap Blood in den Sophiensaelen

Grenzüberschreitung ist Alltag in Berlin, alles geht mit allem. Wenn Regisseur Johannes Müller und das Kulturbüro „Ehrliche Arbeit“ Bach mit Stephen King kombinieren, dann haut das als Idee niemand mehr aus dem Sitz. Die Frage, wie standfest die ästhetischen Brücken bei „Cheap Blood 199“ sind, ist bei der Premiere in den Sophiensaelen die eigentlich spannende. Religiöser Fanatismus und das Mobbing ihrer Mitschüler lassen den Alltag der pubertierenden Carrie in Stephen Kings Roman zur Hölle werden. Müller mixt die 1988 für den Broadway geschriebene Musical-Adaption mit Bachs Kantate „Mein Herz schwimmt im Blut“. Heraus kommt eine Meta-Erzählung, die nach Schuld und Sühne zu fragen versucht, die christliche Dogmen gegen die moralische Verdorbenheit amerikanischer Kids ausspielt. Die plakative Konfrontation ist zumindest kurzweilig. Besonders wenn man zugleich erkennt, dass man Kings High-School-Horror nicht allzu ernst nehmen sollte und Bachs Musik nicht allzu ernst nehmen kann. So bleibt die klangliche Interpretation der Kantate nur durchschnittlich, in seiner klanglichen Pervertierung amerikanischer Musical-Klischees ist das Instrumentalquartett aber großartig, insbesondere die Darbietungen von Cora Frost als wahnwitzig-religiöse Mutter und Jördis Richter als labile Tochter (nochmals am 14. / 15. 5., 20 Uhr). Daniel Wixforth

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