KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Hall & Hof: Das RSB spielt

im Deutschen Historischen Museum

Für ein Orchester kann Kammermusik die Flucht nach vorn sein. Es geht um die Schlüterhofkonzerte, die das Rundfunk- Sinfonieorchester zum fünften Mal im Deutschen Historischen Museum spielt. Die ehemalige Ruhmeshalle, versehen mit Schlüters eindrucksvollen Masken sterbender Krieger, hat eine miserable Akustik. Kammermusik kommt besser an als kompaktes RSB, wie das erste der drei Kammerkonzerte zeigt (weitere am 15. und 16. Mai, 19 Uhr). Natürlich erklimmt der Nachhall finaler Akkorde Echoqualität. Aber das einzelne Instrument kann sich mit dem Klang einrichten. Zumal in der Nr. 1 aus Haydns „Russischen Quartetten“. Hier vertreten vier RSB-Musiker die Orchesterkultur, wenn sie einander die Motive zuwerfen und ergänzen. Die wohltätige Unterstützung der Berliner Volksbank gönnt sich nach dem kurzen Einleitungsstück eine erkleckliche Pause. Marek Janowski trägt die künstlerische Verantwortung für die Musik.

Er hat das Oktett von Schubert ausgewählt. Die Interpretation zeigt in den Verfinsterungen der Stimmung, warum dieses Werk, ein später Nachfolger des Divertimentos, zum bestimmenden Bild deutscher Romantik gehört. Sechs Sätze mit düsterer Einleitung des Finales. Das Glasdach des Architekten Pei spiegelt in der Dämmerung die Lampen im Lichthof. Und der Widerhall sorgt dafür, dass Klarinettist Oliver Link mit seiner feinen Melodik Assoziationen weckt: Musikalisch steht er da wie ein nachdenklicher Hirt auf dem Felsen. Sybill Mahlke

RAP

Trumpf im Ärmel: Gil Scott-Heron

im Maria am Ostbahnhof

Leute, die länger durchhalten, muss man gelegentlich neu vorstellen: Gil Scott-Heron gehört zu jenen Musikern, die durch ihr Tun die Grenzen der Kunstform hinausschieben. Er ist der wichtigste afroamerikanische Pop-Poet der vergangenen Jahrzehnte, der mit seiner Mischung aus Spoken-Poetry, Jazz und Soul den Grundstein für Hip-Hop legte. Nachdem der 61-jährige Bürgerrechtsaktivist die letzten 16 Jahre hauptsächlich wegen Drogenbesitz im Gefängnis gesessen hat, sitzt er nun im ausverkauften Maria am elektrischen Piano, um sein grandioses Comeback-Album „I’m New Here“ vorzustellen – aus dem er dann aber nur einen Song spielt. Dafür gleich zu Anfang „Winter In America“, bevor drei Musiker an Congas, Keyboard und Querflöte einsteigen und für den Altstar eine sprühende Acid-Jazz-Kulisse bauen. Unterbrochen von witzigen Ansprachen singt er sich mit einem Bariton, der wie eine zerfetzte Fahne im Wind flattert, durch eine 40-jährige Karriere: „Work For Peace“, „Three Miles Down“, „Did You Hear What They Said?“. „The Bottle“, sein Hit gegen Dämon Alkohol, bringt das Publikum mit Latin-Rhythmen zum Rasen, bevor er „Better Days Ahead“ als Zugabe spielt und der „Godfather of Rap“ als jemand gefeiert wird, dessen musikalisches Konzept noch nicht verbraucht ist. Er ist der Trumpf im Ärmel, wenn mal wieder alles den Bach runtergeht. Volker Lüke

OPER

Sonne, wo ist dein Strahl?

„Die Verwandlung“ im Konzerthaus

„Es ist doch nicht notwendig mitten in die Sonne hineinzufliegen, aber doch bis zu einem reinen Plätzchen auf der Erde hinzukriechen, wo manchmal die Sonne hinscheint, und man sich ein wenig wärmen kann.“ Am Schluss der Aufführung kommt der Satz aus Kafkas „Brief an den Vater“ immer wieder. Man möchte ihn auf die Neue Musik beziehen: nur ein Plätzchen zum Wärmen – vielleicht ist es das, was wir in zeitgenössischen Kompositionen häufig vermissen. Auch Paul- Heinz Dittrichs szenische Kammermusik „Die Verwandlung“ bietet solche Wärme im Werner-Ott-Saal des Konzerthauses nicht (wieder am 15., 20. und 21. Mai). Radikale Frakturen und die ständige Konfrontation von Aufschrei und Stille untermauern akustisch Frank Schneiders librettistische Collage aus Kafkas „Verwandlung“ und seinem Vaterbrief. Während Matthias Friedrich Briefstellen als literarisches Psychogramm liest, singt, krächzt und schreit das Vocalconsort Berlin wunderbar konzentriert die vertonten Passagen aus der Erzählung. Zusammen mit dem Instrumentaltrio entsteht dabei eine gehackte Klangsprache, in der Dirigent Titus Engel die bis ins Extreme gesteigerten Affekte gnadenlos offenlegt. Dazu ein über der Bühne platziertes Schattentheater mit Metamorphosen von Mensch- und Tierkörpern.

Postmoderne Grenzüberschreitung, die bei der Uraufführung 1984 in Ost-Berlin auch politisch aufgefasst wurde. Der im Käfer gefangene Mensch als Symbol für eine in der späten DDR geistig und physisch eingesperrte Gesellschaft. Das erschließt sich heute zwar nur noch aus dem Programmheft – wie ein kritischer Stachel wirkt die raue Klangsprache aber immer noch. Und die wärmende Sonne, bei Dittrich ist sie nichts als ein Euphemismus für den Tod. Daniel Wixforth

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