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TANZ

Licht zieht an: Die Dansgroep Amsterdam in der Deutschen Oper

Ein Tanz ins Licht – so ließe sich das Programm der Dansgroep Amsterdam überschreiben, die zum Abschluss des 3. International Dance Summit in der Deutschen Oper auftrat. Zu Beginn platziert sich eine Tänzerin unter einem Scheinwerfer. Sie sammelt ihre Kräfte, um loszulegen. Doch dann hält sie inne, schaut sich um und positioniert sich unter einem anderen Spot. In dem Programm „Flatland“, das vier Arbeiten von Itzik Galili zusammenfasst, sind Licht und Schatten wandelbare Phänomen. Ungemein plastisch und dynamisch ist auch das Bewegungsidiom von Galili. Seine Tänzer befreien sich aus einem existenziellen Dunkel und orientieren sich mit allen Sinnen in einer sich stetig verändernden Umwelt. Das Licht zieht an, es trennt aber auch – etwa wenn die Tänzer in Lichtquadraten verharren. Der Spielraum der Akteure ist beschränkt, doch versuchen sie stets auf’s Neue, die Grenzen ihrer Welt zu erweitern. Live-Percussionmusik von der Gruppe Percussa, kombiniert mit einer Einspielung von Steve Reich, treibt das Geschehen an. Zu den Marimbaklängen Reichs mit den charakteristischen Phasenverschiebungen werden Pappwände über die Bühne geschoben.

Die Flächen rahmen und unterteilen die Bewegungen der fünf Tänzer, versperren schon mal den Weg. Der Effekt nutzt sich freilich bald ab. Beim Solo von Cris Tandy unterbricht der tyrannische Choreograf aus dem Off den Bewegungsfluss. Kommunikation – sie könnte ein Licht entzünden zwischen den Menschen. Doch in den Gruppenszenen erscheinen die anderen wie Spiegelungen des Selbst. Auch wenn manches redundant wirkt in „Flatland“: mit Spannung verfolgt man die Tänzer der Dansgroep Amsterdam bei ihrer Meditation über Schein und Sein. Sandra Luzina

POP

Schlaf weckt Kräfte:

Natalie Merchant im Admiralspalast

Als sie zum ersten Mal in Berlin war, erzählt Natalie Merchant amüsiert, sei sie mit ihrer damaligen Band 10 000 Maniacs noch in einem Punk-Club aufgetreten, vor einem Haufen besoffen krakeelender Typen. Das war in den Achtzigern. Heute ist es anders: gediegene Atmosphäre und gesetztes Publikum im bestuhlten Studio des Admiralspalasts. Sieben Jahre hatte die amerikanische Sängerin pausiert, um sich ihrer 2003 geborenen Tochter zu widmen. Jetzt präsentiert sie auf einer Tournee die Songs vom neuen Album „Leave Your Sleep“, für das sie Gedichte vertont hat von englischen und amerikanischen Schriftstellern zum Thema Kinder und Kindheit aus den vergangenen zwei Jahrhunderten.

Im Konzert sind die üppigen Arrangements der Platte reduziert auf drei Begleiter: Della Penna mit seiner kleinen schwarzen Aria Parlour-Gitarre, Gabriel Gordon mit einer Taylor-Akustik-Gitarre und eine Cellistin. Akustische Sparsamkeit, die durch ihre Intimität einen besonderen Reiz entfaltet und Merchants samtiger Altstimme einen fast privaten Ausdruck verleiht. Die Musik wandert zwischen melancholischem Folk, munteren Countrysongs, Ragtime, Jazz und Blues-Anklängen.

Zwischendrin erzählt Merchant kleine Anekdoten über die Autoren der vertonten Gedichte, illustriert das Ganze mit Fotos auf der Bühnenrückwand. Robert Graves, Natalia Crane, Edward Lear, Charles Causley, e.e. cummings, R. L. Stevenson. Dann lacht sie: Ach, da habe wohl mancher geglaubt, er gehe in ein Popkonzert, sei aber stattdessen in einem Vortrag gelandet. Gelächter. Höhepunkte sind die anrührenden Vertonungen der Gedichte „Crying, My Little One“ von Christina Rossetti und Gerard Manley Hopkins’ „Spring And Fall“, über den Versuch, einem Kind den Tod zu erklären. Gefolgt von einem fröhlichen Walzer, zu dem Merchant ausgelassen singend durchs Auditorium läuft. Großer Jubel für ein berauschendes Konzert, und dann eine Dreiviertelstunde Zugaben: noch jede Menge Songs aus älteren Zeiten. Brillant. H. P. Daniels

KLASSIK

Raum klingt nach:

Yordan Kamdzhalo
v dirigiert

Erster Preis beim Jorma Panula Dirigentenwettbewerb, dritter Preis beim Gustav-Mahler-Wettbewerb, Stipendiat der Akademie Musiktheater heute: Wenn jemand frisch von solchem Preisregen geduscht das Podium des Kammermusiksaals betritt, dann sind die Erwartungen hoch – nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch, was die Starqualitäten des Dirigenten betrifft. Um so kurioser, dass Yordan Kamdzhalov und die Musiker des von ihm gegründeten Ensembles Innorelatio ihr Programm mit fünf Kontretänzen von Mozart begannen. Koordinationstechnisch wie musikalisch vermag ein gut eingespieltes Kammerensemble sie auch ohne Dirigenten darzustellen. Auch wenn Kamdzhalov den Klang mit charismatischen Gesten in Sekundenschnelle intensivieren kann, so wäre es adäquater gewesen, wenn diese Energie direkt vom Ensemble ausgegangen wäre.

Merkwürdig in der Schwebe zwischen kammermusikalischem und orchestralem Denken blieb auch das Adagietto aus Mahlers 5. Symphonie. Sehr viel besser kam Kamdzhalovs elegante und präzise Schlagtechnik in Henryk Góreckis „Genesis I“ zur Geltung, das von der Besetzung zwar nur ein Streichtrio ist, wegen seiner Raumklangeffekte aber einen ungeheuer wachen Koordinator verlangt. Sollte es die eigentliche Idee des Abends gewesen sein, eine Balance zwischen kammermusikalischem Denken und symphonischen Gestus herzustellen, dann gelang dies zumindest in Aaron Coplands Klarinettenkonzert. Hier war allerdings der Solist Sasha Rattle mit seiner Präsenz, seinem Groove und seinen unwirklich im Nirwana verhallenden Schlusstönen der Star. Carsten Niemann

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