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KLASSIK

Schöner Nippes: Max von Schillings „Hexenlied“ in der Philharmonie

Etwas doof, aber interessant möchte man das Melodram „Hexenlied“ von Max von Schillings nennen, derselbe Schillings, der als Präsident der Preußischen Akademie der Künste im Frühjahr 1933 mit dafür sorgte, dass Arnold Schönberg und Franz Schreker mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert wurden. 1902/03 hatte Max von Schillings das Melodram komponiert, das das DSO unter Ingo Metzmacher nun in der Philharmonie zur Aufführung bringt. Ein Skandal? Nicht in der Montage, die vor das „Hexenlied“ Schrekers nervöses, überaus geschickt orchestriertes „Vorspiel zu einem Drama“ (1913) und danach die eher sportlich genommene Dreiviertelstunde von Schönbergs „Pelleas und Melisande“ stellt. Und so von selbst dafür sorgt, dass der spärliche Orchestersatz des „Hexenliedes“ und sein armseliges Motivinventar ins rechte Licht gerückt werden, ganz ohne Nachtreten und Ridikülisieren.

Allerdings ist es auch Klaus Maria Brandauer, der die Geschichte vom lüsternen, liebesträumenden Mönch Medardus rezitiert, die Ernst von Wildenbruch in gründerzeittypische Balladenform gepackt hatte. Klaus Maria Brandauer nobilitiert das Stück mit reichlich schauspielerischem Budenzauber – ringende Hände, tattrige Stimme, fragender Ton – zu einem immerhin wertigen Stück Nippes: eine Komposition, die das zölibatäre Leben endlich einmal wieder in unverhohlen romantisierender Perspektive darstellt, ein Abend, der quer vorbei am Kanon auf das Mittelmäßige zielt und gerade dadurch zeigt, wie komplex Musikgeschichte ist. Christiane Tewinkel

WELTMUSIK

Zulu und Zauberflöte: „Mozuluart“

in der Bar jeder Vernunft

Vielleicht ist der Name das Problem. „Mozuluart“ suggeriert eine Verschmelzung von Mozart und afrikanischen Zulu-Klängen, auf dass eine eigene Kunstform entstehe – der alte Crossover-Traum. Doch in der Bar Jeder Vernunft (wieder heute, 21./22.5., 20 Uhr u. 23.5., 19 Uhr) nehmen Vusa Mkhaya Ndlovu, Blessings Nqo Nkomo und Dumisisani Ramadu Moyo aus Zimbabwe und der Österreicher Roland Guggenbichler (Klavier) den gleichen Weg wie so viele Crossover-Projekte. Schnell setzt sich ein Stil als der dominante durch, der andere ist nur noch Staffage. Vielleicht zehn Prozent des Abends sind von Mozart. Das Ambassade Streichquartett, besetzt mit Wiener Symphonikern, bleibt hübsches Accessoire, das die Anwesenheit abendländischer Kunstmusik durch die Existenz einiger elektronisch verstärkter Streicherklänge zu behaupten hat. Trotzdem: Als Ausflug in die südafrikanische Musik gelingt der Abend – wenn man die Sache mit Mozart einfach vergisst. Die drei Sänger erzählen mit tiefen, rauen Stimmen, auf Deutsch und Englisch, Zulu und Xhosa, vom Leben der Arbeiter in den Goldminen, von den Dampfzügen, die sie transportieren, von der Weite und Sehnsucht, der Freude und dem Glück Afrikas. Mit Charme und einer Riesenportion Geduld bringen sie das Publikum dazu, mitzusingen, zu schnalzen und am Ende sogar zu tanzen. Und dann singen sie, in der letzten Nummer, plötzlich eine Arie von Mozart, Sarastros „In diesen heil’gen Hallen“ aus der „Zauberflöte“, die sich nach und nach ganz in Rhythmus und Bewegung auflöst, doch ihr harmonisches Grundgerüst bis zum Schluss beibehält. Es geht doch. Aber warum so spät? Udo Badelt

POP

Bezaubernde Schrägheit:

CocoRosie im Admiralspalast

„Psst, könnt ihr nicht leise sein?“, möchte man im ausverkauften Admiralspalast die quatschenden Nachbarn maßregeln. So faszinierend ist der Gesang der Schwestern Sierra und Bianca Casady – Sierras klassischer Sopran und Biancas freche, seltsam-kindliche und doch rührende Tonlage –, dass jede andere Stimme ungemein störend wirkt. Zusammen bilden die beiden Amerikanerinnen CocoRosie. Sie präsentieren ihr neues, viertes Album „Grey Oceans“, das sich wie seine Vorgänger noch am ehesten in die Schublade „Weird Folk“ stecken lässt.

Während des gesamten Auftritts verwandeln Video-Projektionen die Bühne mal in eine romantische, mal in eine schaurige CocoRosie-Welt. Sierra hüpft, wenn sie nicht Harfe spielt, naiv und extrovertiert wie ein Kind über die Bühne. Ganz anders Bianca. Sie greift, sobald ihre Einsätze vorbei sind, nach einer ihrer diversen Flöten oder zieht Spielzeugautos auf, deren Geräusche alle ihrer Alben so unverkennbar machen. Ihre Tanzbewegungen sind unbeholfen, introvertiert.

Gemeinsam ist beiden nur das völlig in sich versunkene Wesen. Außerhalb ihrer eigenen scheint es keine Welt zu geben. Neben einem Beatboxer und einem Percussionisten sorgt vor allem Gael Rakotondrabe, der mit der linken Hand Keyboard und mit der rechten Klavier spielt, für den einzigartigen Sound. Der französische Jazz-Pianist ist fortan vollwertiges Mitglied der Band. Trotz seines unbestreitbaren Talents wirkt er zurückhaltend und ausgeglichen, sein Spiel und sein Auftreten fügen sich perfekt in das Projekt CocoRosie. Er fungiert als Ruhepol, in der Musik auf jeden Fall; seine zukünftige Rolle im Dreiergespann lässt sich nur erahnen. Das Konzept CocoRosie funktioniert. Heißt es in der Pop-Industrie: „Was nicht passt, wird passend gemacht“, wird hier eher das Prinzip „Was nicht passt, wird betont und wird sich schon zusammenfügen“ verfolgt. Am Ende ist das Publikum begeistert. Nur eine Frage bleibt weiter offen: Wie kann ein Konglomerat von Schrägem eigentlich so verzaubern? Laura Backes

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