KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Feuertaufe: Martin Helmchen

im Kammermusiksaal

So gut gefüllt ist der Kammermusiksaal selten, wenn ein nicht mal 30-Jähriger sein Debüt-Recital gibt. Martin Helmchen ist als Pianist angekommen in der Welt der Großen, und weil er im Juni als Solist erstmals mit den Berliner Philharmonikern, konzertieren wird, dürfte an diesem Abend nicht nur deren Intendantin im Publikum so etwas wie Feuertaufenstimmung verspürt haben. Nächsten Monat wird Helmchen Beethoven spielen, den er jetzt mit Mozart und Schubert schon einmal musikgeschichtlich umzingelt.

Feinste dynamische Abstufungen im Kopfsatz von Mozarts F-Dur Sonate, akribisches Vorbereiten neuer harmonischer Stationen im Adagio und eine scharfkantige Phrasierung, die an jedem Punkt genau weiß, wo die Reise hingeht. Keine revolutionäre, aber eine in ihrer Einfachheit bestechende Lesart. Der neblig-matte Ton in Helmchens Piano, unter dessen Oberfläche es motivisch doch immer glänzt, ist ein wunderbares Gestaltungsmittel. Nur klingt das im Trio aus Schuberts drittem Satz der A-Moll-Sonate D 845 exakt so, wie zuvor bei Mozart. Hier wie dort die gleichen Kontraste – Schubert wirkt so ein wenig profillos. Zwischen den Früh- und den Spätklassiker stellt Martin Helmchen Olivier Messiaens „Vingt Regards sur l’Enfant-Jésus“: Wie er hier Akkorde ineinander fließen lässt, wie er rhythmische Fragmente isoliert und wieder zusammensetzt und Messiaens religiöse Fundamentalästhetik dabei körperlich umsetzt, das weist seinen Weg zu den ganz Großen am deutlichsten. Daniel Wixforth

TANZ

Liebeskrieger: Yasmeen Godder

im Hebbel am Ufer

Wenn die Schere ratsch macht, ahnt man, dass diese Frau nichts Gutes im Schilde führt. Yasmeen Godder zieht wieder in den Liebeskrieg. Von Gewalt und Begehren erzählen all ihre Stücke. In der Paarstudie „Love Fire“ (wieder, heute, 19.30 Uhr, HAU 1) ist die israelische Choreografin nun auch als Tänzerin zu bewundern, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihr Partner Itzil Giuli schaut zuerst wie ein verschreckter Hase, später wie ein liebeskrankes Walross. Godder gibt die scharfe Gemse, die Schlampe in Badelatschen, die Domina, die den Mann reitet wie ein bockiges Schaukelpferd. Die animal instincts sind hier ins Lächerliche gezogen. All die verführerischen Posen, die zitiert werden, werden verschlurft oder verschliffen. Die Tänzer wirken stets etwas neben der Spur. Immer wieder erklingen Waltzer – von Strauß bis Schostakowitsch. Statt Paarseligkeit im Dreivierteltakt zelebriert „Love Fire“ den rabiaten Clinch. Mit komischer Verbissenheit rücken Godder und Giuli sich gegenseitig zu Leibe – Liebe scheint hier eine permanente Grenzverletzung. Bald mündet das Duell in einer Materialschlacht, da wird ein Stofftier ausgeweidet, bis glibberige Liebesperlen auf die Bühne purzeln. Leider übertreiben die Tänzer ihre grotesken Verrenkungen. Am Ende stehen die Liebeskrieger sich im kalten Schein eines Neonherzen gegenüber. Alle altmodische Liebespein scheint nun überwunden. Sandra Luzina

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