KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Befreit: der Abschluss von Rattles Sibelius-Zyklus in der Philharmonie

Zur letzten Etappe seines Sibelius-Zyklus hat Simon Rattle ein Geschenk mitgebracht. Zufällig habe er heute einen jungen Kammerchor aus Sibirien gehört, erklärt der Philharmoniker-Chef zu Beginn des Abends. Dieses Ensemble habe so wunderbar gesungen, dass er es auch dem Publikum nicht vorenthalten wolle. Eine schöne Geste von Sir Simon, zumal die fünf Minuten altrussischer Chormusik, die folgen, tatsächlich ein Genuss sind. Berührend ist die Geste auch, weil sie zeigt, dass sich Rattle immer noch eine spontane Freude an der Musik bewahrt hat. Kein Wunder, dass diesem Dirigenten die Herzen zufliegen und das Publikum auch bereit ist, ihm anschließend durch die Durststrecken von Sibelius’ letzten drei Sinfonien zu folgen (noch einmal heute, 20 Uhr). Denn anders als traditionelle Sibelius-Interpreten kaschiert Rattle nichts: Schon in der Fünften versucht er nicht, die scheinbar unschlüssig mäandernden Streichersequenzen des Kopfsatzes auf ein Ziel hin zu straffen, sondern macht sie als schwelenden Spannungszustand hörbar, aus dem die Themen wie elektrische Entladungen auftauchen. Rattles Sibelius ist Musik, die sich selbst quasi aus dem Nichts heraus schafft und nur den Impulsen ihres eigenen motivischen Materials folgt – und deren fließende Form die Antithese zur sinfonischen Monumentalarchitektur Gustav Mahlers bildet. Auch wenn an diesem Abend nicht die allerbeste Philharmoniker-Besetzung an den Bläserpulten versammelt ist, wird klar, das diese Sibelius-Sicht genau den Klang braucht, den Rattle in den letzten zehn Jahren in Berlin formte: Den schwerelosen, bis in kleinste Phrasenverhäkelungen präzisen Streicherklang, der erst Sibelius’ Technik musikalischer Energiegewinnung hörbar macht. Sibelius ist im 21. Jahrhundert angekommen. Jörg Königsdorf

ROCK

Nackt im Urwald:

The Slits im White Trash

Heulen, Kreischen, Jaulen – mit Geräuschen, wie sie die Popmusik noch nicht erlebt hatte, brachten die Slits 1976 eine feministische Note in die Londoner Punkszene und wurden zum Vorbild aller Riot-Grrls. Aufsehen erregte das Plattencover ihres Debütalbums „Cut“, das die drei Zottel-Amazonen mit nur einem Lendenschurz bekleidet nach einem Schlammbad zeigt und dazu führte, dass es später über Sängerin Ari Up hieß, sie würde nackt im Urwald leben. Tatsächlich hat die Enkelin eines deutschen Zeitungsverlegers, deren Mutter Johnny Rotten geheiratet hat, in Jamaika drei Kinder großgezogen. Nun steht die 48-Jährige in quietschgelben Leggings im White Trash, schüttelt ihre Dreadlocks und präsentiert sich als bestgelaunte Entertainerin, deren Hysterie ein paar Sprünge in der Schüssel aufweist. So wie sie das Feld bestimmt, merkt man fast gar nicht, dass von der Urbesetzung noch Tessa Pollitt dabei ist, die mit wuchtigen Basslinien den Laden zusammenhält, während drei Nachwuchs-Grrls an Gitarre, Schlagzeug und Keyboard den Rest erledigen. Sie spielen einige Songs vom neuen Album „Trapped Animal“, ihre Klassiker „Newtown“ und „Shoplifting“, Marvin Gayes „Heard It Through The Grapevine“. Siebzig bezaubernd chaotische Minuten dauert die Punky Reggae Party mit Indianergeheul, Ringkampfeinlage und gnadenlos übersteuerten Dub-Effekten, bei der alle Anwesenden vor und auf der Bühne ihren Spaß haben. Wer von schlechten Zeiten erzählt, hat private Probleme. Volker Lüke

ARCHITEKTUR

Die gerasterte Stadt:

Yona Friedman im A Trans Pavillon

Aus der Sicht des großen Utopisten Yona Friedman birgt der Klimawandel auch Chancen. Es wird wärmer, man braucht weniger Energie, muss weniger reisen. Ein Beispiel für die Art des Architekten und Theoretikers , mit provokativen Perspektivwechseln neue Denkräume zu eröffnen. In den Fünfzigern und Sechzigern pochte der Vordenker urbaner Mobilität und Nachhaltigkeit auf die Rolle des Individuums in städtischen Infrastrukturen. Architektur, so Friedman, muss improvisiert werden. Seine Megastrukturen sahen vor, Städte mit Rastern zu überziehen, auf denen flexible Wohneinheiten je nach Bedarf bewegt und verändert werden konnten. Kaum eines seiner Modelle wurde realisiert. Dafür wirkte Friedmans Schaffen in der Kunst, wo es in den letzten Jahren wiederentdeckt wurde. Die Aktualität seines Denkens lässt sich in der Architekturgalerie A Trans Pavillon in der Installation Euro-City nachvollziehen (bis 30. Mai, Fr u. Sa 14-19 Uhr, Rosenthaler Str. 40/41, Hof 3). Sie zeigt den Zusammenschluss Mitteleuropas zu einer einzigen Metropole, verbunden durch hochtaktige Zugverbindungen. Die Ausstellungsarchitektur, entwickelt vom Architekten Rajan V. Ritoe und Studenten der TU Delft, vollzieht die Flexibilität von Friedmans Konzepten nach. In Kaninchendraht baumeln an Clips die Zeichnungen auf Zetteln, denen Besucher ihre eigenen Notizen zufügen können. Bildschirme geben Einblick in ein Filminterview, das Ritoe mit Friedman geführt hat.Kolja Reichert

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