KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Augenzwinkern im Salon:

Die Philharmoniker unter Kitajenko

Den Musikern Raum für eigene Bilder lassen, um so ihr emotionales Potenzial zu entfalten – das ist das Credo von Dmitrij Kitajenko. Und tatsächlich wirken die Philharmoniker selten so freudig-engagiert wie beim Zusammenspiel mit dem ehemaligen Chefdirigenten der Moskauer Philharmoniker. Die Begeisterung erreicht auch im Publikum ihren Höhepunkt, nachdem Radek Baborák Reinhold Glières Hornkonzert geblasen hat: Der frühere Philharmoniker-Solohornist versieht das Salonstück mit ungeahntem Farbenreichtum und zart blühender, von riesigem Atem getragener Melodik. Dass Baborák das 1950 verfertigte Stückchen Edelkitsch mit leise augenzwinkerndem Charme präsentiert, erhöht noch das Vergnügen. Skrjabins 3. Sinfonie will ernst genommen sein. Unter dem Titel „Le Divin Poème“ steckt sie voller Höhenflüge des nietzscheanisch geprägten Geistes, der sich irdischer Wollust entreißt. Trotz glänzender Darstellung wirkt die auf die Dauer mit Tönen und Ideen überfrachtet. Immer klingt das ganze Universum; Beliebigkeit ist die Folge. Viel schöner zu Beginn Bartóks „Bilder aus Ungarn“, eine große Stunde der philharmonischen Holzbläser. Isabel Herzfeld

KABARETT

Böse Synkopen: Pigor und Eichhorn in der Bar jeder Vernunft

Ein Cha-Cha-Cha. Leises Rasseln, sexy Rhythmen, klandestiner Sound. Pigor sitzt auf Eichhorns Klavier und flüstert ins Mikro. Was eigentlich geschähe, wenn die katholische Kirche den Zölibat abschaffte, Sex vor der Ehe erlaubte und wenn sie sich plötzlich als freundlich entpuppte. Ob sich dann nicht die Gräber auftäten und all die Toten, die über Jahrhunderte mit Todsündenregistern und Lustverzicht gequält worden sind, den Moraltheologen den Hals umdrehen würden? Pigor und Eichhorn (und Ulf an den Reglern) sind wieder in der Bar jeder Vernunft zu Gast, mit Volume 6 (bis 6. Juni, tägl. außer Mo 20 Uhr, So 19 Uhr). Das ist ihr Programm mit dem Blues des weißen Mittelständlers, dem Schlager von den maulenden Rentnern und dem Schlachtruf „Nieder mit IT“, der dem Publikum nach wie vor derart aus der gequälten Seele spricht, dass es vor lauter Ärger über Downloads und Updates zu toben beginnt. Pigor, der kleine Mann im Napoleon-Outfit, der singend die niederen Instinkte seiner Fans aufs Korn nimmt, Eichhorn, der unterdrückte Begleiter, Ulf, der in sich hineinlachende Dritte – ihr Kabarett lebt von der bösen Synkope, vom mies-fies übermäßigen Intervall, mit dem die drei den moralisch- sozialen Konsens knacken. China ist Export-Weltmeister. Die Kevins reißen uns raus. Jede Zeile ein Racheakt am Krisengeschwätz, jeder Song ein Schadenfreudenlied. Neu im Programm, der Zölibat. In pianissimo. Kein Wort über Missbrauch. Das bleibt selbst Salon-Rapper Pigor im Halse stecken. Christiane Peitz

KLASSIK

Im Orbit zertrümmert:

Das Kuss Quartett im Konzerthaus

Manche Leute machen einen ratlos, andere fordern uns heraus. Weil das auch Streichquartetten mit ihren Komponisten so geht, erlebt man im Kleinen Konzerthaus-Saal eine wundersame Entfaltung. Mit Mozarts B-Dur-Streichquartett KV 458 gab sich das junge Kuss Quartett alle Mühe. Goldener Klang, perfektes Zusammenspiel, hier und da ein verbreiterter Ton für den Affekt – und doch kam das nicht zum Leben. Deutlich mehr wissen die vier mit Weltflüchtern anzufangen, dem Bartók des Jahres 1917 etwa, der Emotionen zu Abstraktionen komprimiert, bis man im 2. Quartett durch den bläulich schimmernden Tunnel eines Sechsviertel-Prestissimo in die halb versteinerten Klagelaute des „Lento“ gerät. In Beethovens letztem vollendeten Stück, op. 135, werden alte Gewissheit formal beschworen, tatsächlich aber im Orbit zertrümmert, das Streichquartett tut nur so, als sei es noch eines. Mit im wörtlichen Sinn unheimlich guter Laune und disparater Vereinzelung im ersten Satz, harten Rotationen und Stauchungen im zweiten und skulpturalen Hieben im Finale rund um ein monumentales Folklorethema platziert das Kuss Quartett das Werk zwischen Mahler und Schostakowitsch. Ende eines Komponistendaseins. Danach konnten nur noch zwei schlichte armenische Volkslieder kommen. Volker Hagedorn

FILM

Den Opfern eine Stimme:

La Isla – Archive einer Tragödie

Über die europäische Krise geraten die Katastrophen ferner Länder leicht in Vergessenheit. Zum Beispiel der Bürgerkrieg in Guatemala während der achtziger Jahre und das „Verschwinden“ Tausender in den Folterhöllen von Polizei und Todesschwadronen. Uli Stelzners aufrüttelnde Dokumentation „La isla – Archive einer Tragödie“ zeigt die Aufarbeitung dieser Verbrechen. Er führt in die Keller der Qualen, wo heute die aufgetauchten Verhörprotokolle entstaubt und gesichtet werden. Viele Menschen erfahren endlich, was mit ihren Angehörigen geschah. Die Verantwortlichen indes dürfen sich durch eine Generalamnestie geschützt fühlen. Bombendrohungen und Stromkappungen begleiteten die Premiere im Nationaltheater von Guatemala Stadt. „La isla“ zeichnet Schicksale nach, gibt Überlebenden das Wort und ermöglicht mit wichtigen Archivaufnahmen Einblicke in den längst nicht abgeschlossenen Wandel des lange Zeit mit CIA-Hilfe malträtierten Landes (im Lichtblick-Kino).Hans-Jörg Rother

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