KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Wo gerungen und gelitten wird: Michael Gielen dirigiert Schumann

Groß und dunkel waren die Leiden Robert Schumanns, um dessen Krankenakten oft mehr gestritten wurde als um den Rang seines sinfonischen Werks. Seine 2. Sinfonie gilt als Nachhall einer großen Krise, die in Schumann den Zweifel zurückließ, ob er jemals wieder gesunden würde. Leiden, Ringen, Scheitern? Michael Gielen ist kein Dirigent, der in biografischen Wassern fischt. Der 82-Jährige war von jeher ein Interpret des Kopfes, ein Analytiker und unermüdlicher Anwalt der Moderne. Sein Beitrag zum 200. Geburtstag Schumanns mit dem Konzerthausorchester Berlin verströmt eine Klarheit, bei der die Kritik an der angeblich unzulänglichen Instrumentation von alleine verstummt. Gielens Sicht auf die Zweite atmet deutlich den Geist von Schuberts Großer C-Dur-Sinfonie, die Schumann wenige Jahre zuvor wiederentdeckt hatte. Doch man spürt, wie viel mehr Mühe jeder Aufschwung macht, ahnt auch die Angst davor, die Energie könne die Musik verlassen – und nicht mehr zurückkehren. Gielen und das ihm geschlossen folgende Konzerthausorchester sichten und schichten die Klänge ohne Sentimentalität und ermöglichen so eine faszinierende Aufsicht auf eine wunderbar trotzige Musik. Die Orchesterbegleitung zu Alban Bergs „Sieben frühen Liedern“ hätte man sich indes leiser bei gleicher Klarheit gewünscht. Dann wäre der glimmende Sopran von Melanie Diener noch weiter in den Saal vorgedrungen. Aber wo viel Helligkeit ist, wächst immer auch Schatten – zumindest ein kleiner Fleck. Ulrich Amling

KLASSIK

Wo die Flöte regiert: Der Abschluss der Saison im Kammermusiksaal

Seit 1989 nimmt sich das Deutsche Kammerorchester Berlin jenes Repertoires an, das in eine Lücke fällt: Zu klein fürs Symphonieorchester, zu groß fürs Kammerensemble. Zum Saisonabschluss im Kammermusikaal stellt es ein Instrument in den Vordergrund, das ebenfalls nicht häufig zu hören ist, jedenfalls nicht alleine: die Flöte. Mozart soll sie nicht gemocht haben, obwohl er später seine populärste Oper nach ihr benannte und die beiden heute am häufigsten gespielten Flötenkonzerte von ihm stammen. Solist András Adorján, dessen Sohn Gabriel als erster Geiger und Einsatzgeber gleich neben ihm sitzt, zeigt im D-Dur Flötenkonzert, im kurzen Andante C-Dur und dem kontrastreichen Rondo für Flöte und Orchester zwar Sinn für Dynamik, souveräne Intonation und Sicherheit im Detail. Doch trotz der technischen Vorzüge fehlt seinem Spiel die Leidenschaft, um zu berühren. Zudem besitzt sein Ton eine unschöne Schärfe, was es wiederum leichter verschmerzbar macht, dass er sich häufig klanglich nicht gegen die Musiker durchsetzen kann. Ausdrucksvolle Gefühle, Sehnsucht und Leidenschaft kommen an diesem Abend trotzdem zu ihrem Recht. Das Orchester, das sich eingangs an die walisischen Klänge von Elgars „Introduction & Allegro“ noch vorsichtig herangetastet hat, nimmt zum Abschluss die böhmischen Melodien der Serenade für Streicher von Josef Suk mit Inbrunst. Freilich wird dadurch deutlicher, wie sehr Suk zu diesem Zeitpunkt kompositorisch im Schatten seines Schwiegervaters Antonín Dvoÿák stand. Udo Badelt

THEATER

Wo nichts mehr ist: Philip Löhles „Die Überflüssigen“ im Gorki Studio

Stillstand dulden – kann das ein gangbarer Weg sein? Im Maxim Gorki Theater unternimmt Philipp Löhle dazu einen heiklen Versuch. Wo nichts mehr ist, so erzählt sein Stück „Die Überflüssigen“, muss auch nichts mehr hin. Eine ostdeutsche Kleinstadt namens Lükke ist gestorben, nur einige Menschen sind geblieben. Die wollen nicht weg, wehren sich gegen Forderungen und Anreize, die von außen kommen. Da hat es Eddie, der wegging und erfolgreicher Manager wurde, schwer, als er zurückkommt – um erst die Eltern, dann den Bruder zu beerdigen. Er hat Ideen, er scheitert und stirbt schließlich selbst. Löhle analysiert einen Umbruch, der hoffnungsvoll versandet. Hat seinen Spaß und verweigert Lösungen. Wobei hinter allem die Warnung steht, nicht mit Menschen gegen ihren Willen zu experimentieren.

Im Gorki Studio hat Dominic Friedel die Uraufführung des schmucklosen, hurtig fließenden Textes inszeniert. Es gelingt ihm im Bühnenbild von Natascha von Steiger, das seltsam unwirkliche Warten in einem allgegenwärtigen Verfall in deutliche Bilder umzusetzen. Alle Wände atmen Vergangenheit, Abbruch und Moder. Das Vorläufige, Zufällige bestimmt das Zueinanderkommen der ehemaligen Schulkameraden, die Eddie vergeblich aufzumischen versucht. Es gibt ein paar Ausbrüche von Wut und Leidenschaft, meist bleibt es in vorherrschend düsterem Licht nachdenklich, ruhig – Zeitabläufe im Nichts. Robert Kuchenbuch spielt den Eddie, zeigt die Anspannung, die mühsam beherrschte Energie des jungen Mannes im schwarzen Anzug – und wie sich diese Energie verbraucht. (Vorstellungen am 5. Juni 15.30 Uhr und am 8. Juni 20.15 Uhr). Christoph Funke

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