KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Gruppensingen: Gidon Kremer

in der Philharmonie

Weit aus dem Konzertsaal der Philharmonie hinaus spielt sich Gidon Kremer mit seiner Kremerata Baltica, dem Vibrafonisten Andrei Pushkarev und der Geigerin Tatyana Grindenko. Nicht, weil man bekannte Rituale aufbräche oder gar unprofessionell spielte. Nein, die jungen Musiker um Kremer streichen auf der Höhe instrumentaler Virtuosität und scheuen auch Experimente wie das etwas pfadfindermäßige Gruppensingen in Alexander Raskatovs „The Seasons Digest“ nach Tschaikowskys „Jahreszeiten“ nicht. Immerhin geht es um hochsommerliche Feldarbeit, da kann man schon einmal ins Singen kommen. Doch bleibt der Auftrag ans Publikum verwaschen, so sehr, dass man ins Grübeln darüber gerät, welche Hörhaltung dem Repertoire der Kremerata Baltica eigentlich angemessen wäre.

Vor dem esoterisch wallenden Flirren und Libellensurren des „Midsummer song“ der litauischen Komponistin Raminta Serksnyte zum Beispiel lässt sich durchaus Respekt haben. Oder vor Pushkarevs Bearbeitung von Vivaldis „Sommer“, mit akrobatischer Finesse gespielt auf dem Vibrafon, dem allerdings ein Unterton von Traum und Kitsch nicht auszutreiben ist.

Welche Art von Zuhören aber erheischt Giya Kanchelis Doppelviolinkonzert „Ex contrario“ von 2006? Kremer und Grindenko spielen es altersweise und ungemein präzise – doch schiebt sich das halbstündige Werk in so leiser, betäubender, geradezu zerquetschender Langsamkeit durch die Zeit, dass man nach einer Weile buchstäblich zu entkräftet ist, um noch vernünftig zuzuhören. Solange aber äußere und innere Formate – das Konzertritual, die präsentierten Gattungen – sich konventionell geben, solange sollte man auch in der Lage sein, die Zuhörer mit tönend bewegter Form beschäftigt zu halten. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Gruppenflirt: Lang Lang

im Kammermusiksaal

Wenn der Altersdurchschnitt der Musiker bei einem Konzert der Orchesterakademie, aus der die Philharmoniker ihren Nachwuchs rekrutieren, niedrig ist, liegt das in der Natur der Sache. Das Konzert im Kammermusiksaal ist juvenil in jeder Hinsicht: Mozart und Schubert waren um die 20 Jahre alt, als sie die aufgeführten Werke schrieben. Jugendliche Schüchternheit oder mangelnde Orientierung ist den 17 Musikern allerdings völlig fremd. Mozarts Sinfonia D-Dur spielen sie voller Verve, treiben das musikalische Material entschlossen voran, spielen sich die Stimmen wie Bälle zu.

Doch das Publikum ist wegen Lang Lang gekommen, diese Saison Pianist in Residence der Philharmoniker und ebenfalls noch relativ jung. Haydns Klavierkonzert D-Dur stellt für ihn natürlich überhaupt keine Herausforderung dar, so dass er viel Zeit für seine bekannten Gesten hat, den Oberkörper expressiv nach hinten streckt, mit langen Armen in die Tastatur greift und gleichzeitig die Einsätze gibt – ein Flirt, mit dem er immer noch das Publikum lockt und für einen ausverkauften Saal sorgt. Federleicht ist dabei sein Anschlag, kaum je wird sein Spiel hart, die Koordination mit den Musikern funktioniert traumwandlerisch.

Später, in Schuberts Forellenquintett, ist er dann nur noch einer von fünf und macht trotzdem weiterhin Dynamikvorgaben. Technisch ist er so brillant, dass es scheint, als müsse er auf Technik nicht mehr achten. Und bei all dem strahlt er eine unglaubliche, ansteckende Gelöstheit aus – als sei alles, was auf dem Podium passiert, im wahrsten Sinne des Wortes ein Spiel. Udo Badelt

KLASSIK

Gruppendynamik: Andreas Staier

im Konzerthaus

„Er hatte ja nicht alle Tassen im Schrank, und daher glaubte man auch seine Metronomangaben nicht ernst nehmen zu müssen!“ Gewitzt widerlegt Andreas Staier in seiner Schumann-Hommage im kleinen Konzerthaus-Saal gängige Vorurteile. Er hat die „kleinen“, angeblich nicht virtuosen Stücke dafür ausgesucht. In den „Kinderszenen“ etwa, nach originalen Tempovorschriften gespielt, tun sich Welten auf: Da wird „Glückes genug“ zum ungläubigen Staunen statt zum Freudenrausch, die „Träumerei“ von Sentimentalität zu Innigkeit überführt, und „Der Dichter spricht“ mit heftiger Klage statt zarter Poesie.

Es versteht sich, dass der dem Originalklang verbundene Pianist auf dem Hammerklavier spielt, einem Erard-Flügel von 1837. So entsteht eine Sensibilität und Biegsamkeit des Klanges, die auf dem modernen Flügel kaum herstellbar ist. Die „Waldszenen“ op. 82 verlieren jegliche Biederkeit durch spinnwebenfeine Figurationen, anmutig flüsternd in „Freundliche Landschaft“, erregt akzentuiert beim „Jäger auf der Lauer“. Die „Vier Klavierstücke“ op. 32 erweisen sich mit irrwitzig-kapriziösen Punktierungen und Sprüngen als entdeckenswerter Nachfahre der „Kreisleriana“. Kleine Preziosen aus dem „Album für die Jugend“ und die „Sieben Fughetten“ op. 126 runden eine Stückfolge ab, die mit elaborierter Polyfonie und verborgenen Tonfolgen immer wieder den Bezug zu Bach sucht. Hier allerdings zeigt das Instrument in mangelnder Trennschärfe der Stimmen seine Grenzen – Schumann ist eben doch kein Bach, wie die Zugabe aus dessen „Klavierübung“ zeigt. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar