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KLASSIK

Liebeswunden: Liederabend mit Thomas Hampson in der Staatsoper

Aufgeladen ist die Atmosphäre in der Staatsoper. Auf der Bühne steht, im schwarzen Brokat-Gehrock und gewohnt souverän, der Bariton Thomas Hampson und singt Lieder von Samuel Barber, am Flügel begleitet von Wolfram Rieger. Ein tiefsinniges Repertoire, dunkelkühl, schwer hängend, mit Liedern wie dem „Nocturne“, dessen Verse „Niemand beobachtet, niemand warnt uns, außer der blinden ewigen Nacht“ Hampson schneidig herausschlägt. Oder das vorwärtsdonnernde „I Hear an Army“ nach James Joyce, das er eigentümlich statuarisch vorträgt; er lässt sich nicht am Ärmel reißen, nicht zum Getriebenen einer inneren Not machen.

Danach präsentieren die beiden Lieder eines anderen Jubilars, Schumanns „20 Lieder und Gesänge aus dem Lyrischen Intermezzo“ nach Heine, Vorform der berühmten „Dichterliebe“: eine Auswahl, die dem Wunsch nach Vertrautem ebenso genügt wie dem Bedürfnis nach Neuem. Manches klingt weniger arabesk als in der späteren Fassung, schon anfangs, „Im wunderschönen Monat Mai“, wo anstelle zarter Vorhalte noch Tonwiederholungen stehen. Hampson, dem Vertonungen wie „Im Rhein, im heiligen Strome“ in ihrer etwas angetitschten Erhabenheit am besten stehen, der zugleich fein zu falsettieren weiß, überrascht gerade bei Liedern wie „Ich grolle nicht“, das er distanziert angeht, um am Ende doch schwärzeste Häme auszugießen: „Ich sah, mein Lieb’, wie sehr du elend bist.“ Seinem Bariton, dieser warmen, gut sitzenden, die Töne stets miteinander legierenden, eine Spur monochromen Stimme, stellt Rieger ein eigenes Farbenspiel gegenüber, die Faszination eines über-sinnlichen Tons. Den Schluss zum Zyklus spielt er mit unauslotbarem Scharfsinn, lässt die Töne noch einmal hochkochen, bis sie das Zerren und Klirren hässlich enttäuschter Liebe zeigen, schafft dann Besänftigung, lässt Zartheit obwalten und schlägt mit einem vollkommenen Schlussklang den Bogen zurück zum tonal fragilen Eingangslied, das gleichsam erste offene Liebeswunden gezeigt hatte. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Zart und zornig: Spectrum Concerts

im Kammermusiksaal

Variationen eines Geigers: So könnte man das letzte Saisonkonzert in der Reihe „Spectrum Concerts“ im Kammermusiksaal übertiteln. Für die erkrankte Janine Jansen springt Boris Brovtsyn als erste Geige ein. Das Duo für Violine und Cello von Ravel interpretieren er und Boris Andrianov mit fahlen, brüchigen Stimmen, die von tiefer Sehnsucht sprechen, miteinander in heftigen Wettstreit geraten und sich schließlich versöhnen. Der Kontrast könnte kaum größer sein zum zweiten Streichquintett von Brahms: Jetzt entlockt Brovtsyn seiner Geige süffige, satte Klänge, die von Frühling künden und von Torleif Thedéens selbstbewusstem Cello erwidert werden. Bewundernswert, wie die fünf Musiker auch in den leisen Passagen ein Klangkörper bleiben.

Nach der Pause ein weiterer herber Bruch: Tschaikowskys Sextett „Souvenir de Florence“ gerät plötzlich atemlos und gehetzt. Brovtsyn verschmiert Töne und bricht Phrasen ab. Das Ganze gleicht einem Hauen und Stechen, als habe Tschaikowsky das Stück, das nach bezaubernden Tagen in Florenz entstand, in höchstem Zorn geschrieben. Die Interpretation wird geprägt von einer Aggressivität, die ratlos macht, von einer undifferenzierten Dynamik. Ravel und Brahms bleiben die Höhepunkte des Abends. Udo Badelt

ROCK

Zurück in den Schlamm:

Kasabian im Astra Kulturhaus

Alle freuen sich ja immer wie Bolle, wenn Bands, die in ihrer Heimat groß und berühmt sind, in Berlin in relativ kleinen Clubs auftreten. Kasabian etwa gehören in England zu den Hauptattraktionen der Sommerfestivals, während sie hier nur einen Laden wie das Astra ausverkaufen – das aber flott. Die gut 1500 Zuschauer sind rechtschaffen begeistert über eine disziplinierte Performance der für gelegentliche Exzesse berüchtigten Briten, deren Rave-Rock zu gleichen Teilen aus Happy-Mondays-Melodien, Oasis-Gitarren und Prodigy-Beats plus einem gehörigen Schuss Sixties-Psychedelia besteht.

Sänger Tom Meighan ist der freundliche Bierzeltgröler von nebenan, die beiden Gitarristen schrammeln kratzige Akkordteppiche zusammen, Schlagzeuger Ian Matthews misshandelt sein Set wie ein Hufschmied, der Bassist plonkt vor sich hin, ab und an kommt eine Trompete dazu. Der für den Sound wichtigste Mann sitzt dezent im Hintergrund: Ben Kealey als Tastenmann legt mit schwellkörpernden Synthiefanfaren die Textur für technoide Krawallnummern. Doch so sehr sanfte Pogowellen Richtung Bühne branden, hat man doch das Gefühl, diese eher grobmotorische Musik würde in größerem Rahmen besser funktionieren: Wenn sich wie im letzten Sommer 130 000 verkrustete Lemuren zu „Vlad The Impaler“ oder „Club Foot“ aus dem Schlamm des Glastonbury-Festivals erheben, muss das ein unvergesslicher Moment sein.Jörg Wunder

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