KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Herbert Blomstedt bekommt respektvollen Beifall, Anna Prohaska singt in der Staatsoper und das Seoul Philharmonic Orchestra stellt im Konzerthaus zwei Werke der in Berlin lebenden Südkoreanerin Unsuk Chin in den Mittelpunkt.

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Rauschhaft: Herbert Blomstedt bei den Berliner Philharmonikern

Im ersten Teil des Abends ist alles eine Frage der Höflichkeit: Für Beethovens Tripelkonzert rückt Herbert Blomstedt sein Dirigentenpult ganz weit zur Seite – und damit die Solisten in den Mittelpunkt. Neben dem Pianisten Martin Helmchen positionieren sich dort zwei Musiker aus den Reihen der Berliner Philharmoniker: Konzertmeister Daniel Stabrawa und Solocellist Ludwig Quandt scheint es allerdings fast unangenehm, aus dem Kollektiv an die Spitze vorzurücken. Quandts Mimik tendiert ins Expressionistische, verglichen mit Helmchens leuchtendem, gestochen scharfem Anschlag üben sich die beiden Streicher zu sehr in kollegialer Zurückhaltung dem Orchester gegenüber. Dafür finden sie im Mittelsatz zu schöner kammermusikalischer Intimität. Respektvoller Beifall.

Nach der Pause dann Bruckners sechste Sinfonie, eine seiner kraftvollsten und zugleich enigmatischsten Kompositionen. Mit der Gelassenheit des Altmeisters lässt Herbert Blomstedt das Werk geschehen, verharmlost nichts, weder die alttestamentarische Wucht des Maestoso, dieses Pendeln zwischen Zartheit und Brutalität, noch die Lobgesänge auf einen kriegerischen, siegreichen Gott der beiden letzten Sätze. Souverän schlägt er weite Bögen, sorgt dafür, dass die innere Spannung keine Sekunde lang abreißt. Und die Philharmoniker folgen ihm gebannt, geben sich dieser schwelenden Musik hin, mit blendenden Bläsern und einem Streicherklang von wahrhaft berauschender Tiefe. Frederik Hanssen

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Mondsüchtig: Anna Prohaska in der Staatsoper

So sind die Geister vom See: Eine Waldnymphe in Dvoráks „Rusalka“ hat Anna Prohaska bei den Salzburger Festspielen 2008 schon gesungen und die Titelrolle studiert. Die Liebe zu den Wasserweibchen, deren Tragik darin besteht, dass ihnen die erträumte Menschenseele versagt bleibt, prägt nun ihren Liederabend. Umgeben von nostalgischen Digitalkamerabesitzern befinden wir uns zum letzten Mal vor der Renovierung der Staatsoper im alten Apollosaal, der seit Wochen ausverkauft und natürlich viel zu klein ist, um die Fans der jungen Diva zu fassen. Denn am Himmel der Opernwelt ist sie schon ein Stern, begehrte Sopranistin führender Dirigenten.

Ihr Programm, „Sirène, in Anlehnung an Die kleine Seejungfrau von Hans Christian Andersen“, folgt einer bezwingenden poetischen Idee: Was alles im Lied über die Silberfluten des Wassers, den Mond, Fischers Liebe, Loreley, Elfen und Nixen komponiert ist, bringt sie in eine inhaltliche Vernetzung. „Des Wassermanns sein Töchterlein“ (Mörike/Wolf) aber entschlüpft dem literarisch beschworenen Kreis, weil die Musik allzu heterogen geklöppelt ist und stilistisch nicht zur Ruhe kommt. Von Debussy zu Haydn, Dowland zu Schubert, Fauré zu Szymanowski, Schumann, Mahler, Purcell, Wolf, Bizet, schließlich Rusalkas berühmtes „Lied an den Mond“: Das ist, in vielen Originalsprachen gesungen, von Eric Schneider farbig, mit solistischem Impetus begleitet, schon eine Leistung.

Koloraturen sind darin, höhenorientierte Bögen, konzentrierte Einzeltöne, stimmliche Kunststücke. Jedoch gerät eine so sprunghafte Reise durch die Musikgeschichte darstellerisch in Gefahr, im Einerlei zu landen. Sybill Mahlke

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Vielfarbig: Viviane Hagner mit dem Seoul Philharmonic Orchestra

Man könnte meinen, Unsuk Chin habe am Programm mitgebastelt: „Hört her!“, scheint die Komponistin zu sagen, „Neue Musik ist kein unerklärbarer Spuk! Sie ist bloß grenzensprengende Reflexion des Vorhandenen.“ Das Seoul Philharmonic Orchestra stellt im Konzerthaus zwei Werke der in Berlin lebenden Südkoreanerin in den Mittelpunkt – und erklärt sie mit französischem Impressionismus. Debussys „La Mer“ als unumschiffbarer Ausgangspunkt: Dirigent Myung-Whun Chung lässt Motive fast beiläufig plätschern, harmonische Gänge und einzelne Instrumentengruppen aber wunderbar subtil ineinander verschmelzen. Immer geht es hier um Gestaltung des Augenblicks. Das hat einen Hang zu KlischeeImpressionismus, schlägt aber den Bogen zur Musik Unsuk Chins. Auch in ihrem Violinkonzert von 2001 werden musikalische Charaktere nicht konfrontativ hinterfragt, sondern eher aus sich selbst heraus fortentwickelt. Ein Glücksfall, wenn das eine so intelligente Solistin wie Viviane Hagner macht. Nie wirkt ihr kratziger, manchmal unbequemer Ton störend. Vielmehr offenbart er – in der Leersaitenmotivik des ersten Satzes fast auf erotische Weise – ein tiefes Verständnis für Chins Verknüpfungen von Klangfarbe und Form.

Da bringt das Konzert für das chinesische Pfeifeninstrument Sheng schon mehr Avantgarde: Virtuos pendelt Solist Wu Wie zwischen äußerlich stagnierenden Clustern und innerlich bewegten Rhythmen. Zum Abschluss Ravels „La Valse“ in deftigem, fast wienerischem Ton. Die Bezüge auf Johann Strauss möchte Myung-Whun Chung herausstellen und lässt dabei Ravels kritische Dekonstruktionen der Walzertradition überspielen. Schade, aber erklärbar: Dass Neue Musik kein Spuk sein soll, galt schließlich auch schon 1920. Daniel Wixforth

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