KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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ROCK

Auf Kaperfahrt: Gogol Bordello

im Astra Kulturhaus

Alle Mann an Bord? Das Astra ist zum Bersten gefüllt, als sich die achtköpfige Crew auf der Bühne versammelt – schon geht sie los, die wilde Kaperfahrt. Gefangene werden nicht gemacht. Gogol Bordello, aus aller Herren Länder stammende Freibeuter der sieben Pop-Meere, mischen Gypsy- Punk, russische Volksweisen, Globalista- Rap, Songwriter-Geschrammel, Karpaten-Polka, Metal-Gitarrenriffs und Reggae-Bassläufe zu Funktionseinheiten von enormer Wirksamkeit. Ganz egal, ob man Stücke wie „My Companjera“, „Break The Spell“ oder „Wanderlust King“ zum ersten oder hundertsten Mal hört: Ihrem Sog kann man sich kaum entziehen. Die Menge tobt, grölt und tanzt, nur die Ordner gucken traurig, weil sie die Crowdsurfer nicht zu fassen bekommen.

Der größte Poser und die ehrlichste Malocherhaut ist natürlich der Käptn: Eugene Hütz, nur echt mit Walross-Schnauzbart, hat sich nach drei Songs das letzte Hemd vom Leib gerissen. Dass er so sehnig aussieht wie ein indischer Fakir, ist schnell erklärt: Während er auf seine Gitarre eindrischt und Rauf- und Saufverse ins Mikrofon spuckt, fliegen die Schweißtropfen in alle Richtungen – da wird jedes Gramm Körperfett sofort verbrannt. Das Publikum wird in der Zugabe mit einer viertelstündigen Balkanpop-Walze in die Raserei getrieben. Doch Hütz lässt seine Beute noch nicht vom Haken: stimmt zum Finale erst allein, dann mit seiner Mannschaft, schließlich noch mit der Vorband Mariachi El Bronx das seelentrunkene „Alcohol“ an, bis nach zwei Stunden alle komplett ausgewrungen ins Freie taumeln. Jörg Wunder

KLASSIK

Letzte Dinge: Eliahu Inbal dirigiert das Konzerthausorchester

Magnus Lindbergs Orchesterstück „Arena” von 1971 fasziniert durch seine brodelnden Klangmassen, die An- und Abstoßung in sich kreisender Motive, die mit ihrem Schwirren an Vogelschwärme erinnern. Das gibt Raum für Virtuosität, den das Konzerthausorchester Berlin unter seinem früheren Chefdirigenten Eliahu Inbal glänzend nutzt. Ansonsten kommt der etwas beliebige Abend nicht recht in Gang: Solist Pieter Wispelwey versieht Schumanns Cellokonzert zwar mit sehnigem Ton, doch geht in kleinteiliger Phrasierung die schwärmerisch-melancholische Attitüde verloren. Und als Inbal im straffen Finale schneidige Läufe aus dem Orchester herauspresst, hat der Solist im flüchtigen Laufwerk keine Kraft mehr. Wie feinsinnig Wispelwey sein Cello sprechen lassen kann, zeigt die Zugabe der 1. Bach-Solosuite. Äußerste Sensibilität verlangt auch Schostakowitschs 15. Sinfonie, ein Werk der spöttisch angedeuteten letzten Dinge. Emotionale Wärme kommt immer dann auf, wenn sich das vordergründig heitere Geschehen in Tragik zusammenballt, etwa in der Wucht des Trauermarsches oder im Posaunenchor der „Todesverkündigung“. Doch der spielerisch-ironische Kopfsatz – Schostakowitschs „Spielzeugladen“ voll toter Zinnsoldaten – klingt deftig, und auch das letzte Ticken von Glockenspiel und Holzblock über leere Streicherquinte ist zu laut. Immerhin sind hier so hohe solistische Ansprüche zu bewältigen, dass zum Schlussapplaus fast jedes Orchestermitglied einzeln aufstehen muss. Isabel Herzfeld

KUNST

No Future: Videoinstallationen von Annika Eriksson in der Daadgalerie

Nacht. Punks, auf einem leeren Platz. Drei Mal zehn ungeschnittene Minuten, aufgefangen von einer Standkamera. Unterbrochen werden die Sequenzen von Aufnahmen einer U-Bahnfahrt durch die Geisterbahnhöfe Berlins. Gegenüber zeigt ein kleiner Monitor, platziert auf einem Baugerüst, den Drehort bei Tageslicht ohne Protagonisten. Soweit zu den formalen Eigenschaften der Filminstallation „Wir sind wieder da!“ von Annika Eriksson in der daadgalerie (Zimmerstr. 90, bis 26.6.; Mo-Sa 11-18). In Erikssons Arbeit geht es meist um die möglichst unverfälschte Darstellung der Wirklichkeit gesellschaftlicher Gruppen. Vorgegeben ist auch diesmal einzig der Raum.

Porträtiert werden neun Punks, die sich nicht ins soziale Geflecht fügen wollen. Und nichts tun. Der auf dem kleinen Monitor abgebildete leere Raum unterstreicht die „unerfüllte“ Situation der Punks. Bei genauerem Hinschauen unterscheiden sich beide Komponenten im Hinblick auf ihre Endgültigkeit. Im öffentlichen Raum ist eine Bebauung absehbar. Auch die Aufnahmen der zu DDR-Zeiten geschlossenen U-Bahnhöfe stehen für eine Übergangsphase. Die Punks sehen jedoch keiner Veränderung entgegen. Wird durch den Antagonismus das perspektivlose Nichtstun der Punks kritisiert? Eriksson lehnt Deutungen ab. Ihr gehe es nur um die künstlerische Verarbeitung einer Realität, so die Künstlerin. Was bleibt, ist viel Spielraum. Laura Backes

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