KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Marek Janowski spielt an einem Abend Brahms, die Akademie der Künste lädt zu einem Colloquium über Lyrik und neue Medien ein und im Kunstraum Kreuzberg ist die Ausstellung "Locate me".

von , und Laura Backes
Der Dirigent Marek Janowski, in Warschau geboren, versucht Brahms mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester quasi enzyklopädisch abzuhandeln, und das an einem Abend. Foto: dpa/picture alliance
Der Dirigent Marek Janowski, in Warschau geboren, versucht Brahms mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester quasi enzyklopädisch...Foto: dpa/picture alliance

KLASSIK

Philharmonie: Marek Janowski geht Brahms enzyklopädisch an

Marek Janowski widmet Beethoven eine ganze Konzertsaison. Doch auch Brahms versucht er mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester quasi enzyklopädisch abzuhandeln, und das an einem Abend. So müssen sich die „Tragische Ouvertüre“ op. 81 und die frühe A-Dur-Serenade unversöhnlich gegenüberstehen und zeigen zugleich, worin die Stärke des Dirigenten liegt: in der großen schwungvollen Linie, im zielgerichteten architektonischen Aufbau. Der Dramatik der Ouvertüre bekommt das ausgezeichnet; feurig stürmt sie voran, duldet keine nebulösen Leerstellen, kein verquastes Pathos. Scharf geschnittene Klarheit bestimmt auch die Serenade, doch im hellen Licht des zweifellos perfekt abgestimmten Holzbläsersatzes fehlen die heimlichen Schatten, die Rückzugspunkte der typisch Brahms’schen Melancholie.

Den ganzen Brahms bietet das zweite Klavierkonzert in B-Dur. Es vereint Dramatik und Melancholie mit einer lichtvollen, oft tänzerisch gefassten Heiterkeit. Die kompakte Faktur dieser „Sinfonie mit obligatem Klavier“ vermag Janowskis straffe Diktion zu durchdringen; kein „Gebirge“ entsteht so mit den von Uwe Holjewilken hell intonierten Hornrufen am Anfang, sondern ein glitzernder Fluss. Die schöne Balance im Orchester bezieht auch Emanuel Ax mit ein, der seinerseits mit den Musikern in seltener Zuwendung kommuniziert. Der Pianist hat nicht nur die Pranke für die Oktavgänge, kniffligen Doppelgriffe und weitliegenden Arpeggien, sondern ebenso die Anschlagssensibilität für lyrische Passagen. Dass er ein überaus erfahrener Kammermusiker ist, trägt im Andante im bestrickenden Dialog mit dem jungen Solocellisten Julian Steckel schönste Früchte, den er zum Schlussapplaus immer wieder an die Rampe bittet. Isabel Herzfeld

POESIEFESTIVAL

Akademie der Künste: Colloquium über Lyrik und neue Medien

Gedichte sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Erst kommen ihnen Reim und Metrum abhanden, dann gibt es sie nur noch im Medienverbund: ein Gedicht mit Musik also, eins mit Bild, eins mit Tanz und eins mit Youtube-Filmchen. Eine „gekaperte Braut“ sei die Lyrik, rief Nora Gomringer beim Colloquium zu den „Neuen Medien der Lyrik“ beim Poesiefestival. Ausgerechnet Gomringer, die Großmeisterin des Slam, die in allem Audiovisuellen ähnlich versiert ist wie in der Schrift. Dass die neuen Medien die alte Lyrik nur illustrieren, ist ihr dann doch zu wenig. Nach einem guten Jahrzehnt des Onlinezeitalters könnte die Phase des Sammelns und Staunens tatsächlich langsam in eine neue Qualität der Textproduktion umschlagen.

Die Frage, die man sich mit dem Potsdamer Medienwissenschaftler Dieter Mersch stellen muss, lautet also: Welche neuen lyrischen Praktiken werden von digitalen medialen Formaten ermöglicht? Was geschieht etwa, wenn die Entscheidungslogik, die allem Digitalen zugrunde liegt, sich an der figuralen Logik der Sprache reibt? Wenn Stimme, Körper und Präsenz bewusst mit der Virtualität im Netz konfrontiert werden? Vermutlich wird der Begriff der Lyrik künftig noch unschärfer. Er wird reichen von den innovativen Büchern zum Anfassen aus dem kleinen Hochroth Verlag bis zu den Onlineplattformen wie lyrikline.org oder poetenladen.de.

Mag sein, dass die „performative Wende“ mit ihren Multimedia-Events die gebeutelte Gattung popularisiert. Mag aber auch sein, dass sich Lyrik mit dem Schlicht-Analogen verbündet, weiter minoritär sein will und sich bewusst dem schnellen Sinn entzieht. Es könnte subversiver sein als die gewagtesten medialen Aufhübschungen. Steffen Richter

KUNST

Kunstraum Kreuzberg: das virtuelle Bild der Stadt

„Locate me“ lautet ein Befehl in der Kommunikationstechnologie: Orte mich! „Locate me“ heißt auch die Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg (Mariannenplatz 2, bis 8. 8.; täglich 12–19 Uhr). GPS und Web-2.0-Angebote lassen eine virtuelle Oberfläche der Stadt entstehen. In „Locate me“ beschäftigen sich 18 Künstler mit der Verortung des Individuums innerhalb sich verändernder Raumkonzepte. Mini-Aufnahmegeräte, Monitore und Projektionen flimmern aus allen Ecken. 2008 holte die Künstlergruppe Pony Pedro das Prinzip der Plattform „Rotten Neighbor“ zurück in die reale Stadt. Sie markierten Bremer Häuser mit roten und grünen Punkten als gut und böse. Auf einem Anrufbeantworter, der in der Ausstellung abgespielt wird, haben Bürger ihrem Ärger Luft gemacht. Aram Bartholl widmet sich der Datenspeicherung. Um sich der räumlichen Nachverfolgung zu entziehen, hat er eine Handytasche entworfen, die so ähnlich wie ein Faradaykäfig funktioniert. Das Handy im Inneren kann weder senden noch empfangen. Laura Backes

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben