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Der Geiger Vadim Repin spielt in der Philarmonie, der US-Amerikaner Seasick Steve begeistert mit hundert Minuten Pop und Chris Isaak glitzert in einem fast 18 Kilogramm schweren, verspiegelten Anzug.

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Das große Idol von Chris Isaak ist Elvis Presley. Der Kalifornier begeistert mit einer Mischung aus Las-Vegas-Glamour, Karibik-Flair, Tex-Mex-Staub und Gospel.
Das große Idol von Chris Isaak ist Elvis Presley. Der Kalifornier begeistert mit einer Mischung aus Las-Vegas-Glamour,...Foto: dpa/picture alliance

KLASSIK

Violinstar und Diener: Vadim Repin mit Kent Nagano in der Philharmonie

Kein Flirt mit dem Publikum: Seine Mitteilung ist die reine Musik. Der Geiger Vadim Repin aus Nowosibirsk gehört zu den Glücksfällen der russischen Oistrach-Nachfolge, und wenn er das Violinkonzert von Beethoven spielt, steht die Kommunikation mit dem Orchester obenan. Die Interpretation ist ganz Klassik, Beethoven als genuiner Instrumentalkomponist, selbst wo Repins Violine singt. Mit subtiler Höhe und feinster Gliederung leuchtet seine Interpretation von innen, weil dieser Musiker den seltenen Typ des glanzvoll dienenden Virtuosen vertritt. Er hat keine dynamischen Manierismen nötig. Auch als der Beifall brandet, will der Ernst aus seinem Gesicht nicht weichen.

In diesem Frühjahr kehren die ehemaligen Chefdirigenten mit Gastspielen zu ihren Berliner Musikern zurück, Abbado zu den Philharmonikern, Inbal zum Konzerthausorchester und nun zuletzt Kent Nagano zu seinem Deutschen Symphonie- Orchester. In der kommenden Saison unterstützt er das DSO in chefdirigentenloser Zeit sogar mit drei Konzerten, die innerhalb eines Wahlabonnements angeboten werden. Die alte Vertrauensbasis ist da, wenn dolce das Hauptthema des Beethovenkonzerts als Folge der Paukenschläge einsetzt.

Darauf verteidigt der Maestro seine Favoritkomponistin Unsuk Chin, die ihm nicht nur die Uraufführung ihrer Oper „Alice in Wonderland“ 2007 im Münchner Nationaltheater verdankt. Ein „Lichtraum“-Werk „Rocaná“ (2008) erklingt. Das ist wiederum die erschwingliche Moderne einer Könnerin, die weiß, wie die Instrumente in ihren Klangfarben sprechen, flüstern und sich türmen. Schlagwerk ohne Ende, großes Orchester, Tuba bis Celesta.

Zum Schluss kommt „Don Juan“ von Richard Strauss so kompakt daher, dass es die typisch straussischen Kantilenen des Konzertmeisters Hartog nicht leicht haben. Aber im Ganzen ist es ein Abend der Soloviolinen. Sybill Mahlke

BLUES

Schrottgitarre und Knochenbeat: Seasick Steve im Postbahnhof

Es klingelt an der Tür. Draußen steht ein älterer Mann mit Filzbart, Basecap und einer dreisaitigen Kaputtgitarre. Er komme aus den USA, sei lange als Hobo unterwegs gewesen und heiße Seasick Steve, seit er bei der Überfahrt in die Heimat seiner norwegischen Frau „die Fische gefüttert“ hat. Wer hier desinteressiert die Tür schließt, der verpasst nicht nur hundert Minuten beste Unterhaltung, sondern überhaupt mit das Anrührendste und Wunderbarste, was einem als Popmusik vorgeführt werden kann.

Seit Steve Wold vor drei Jahren in der BBC-Show von Jools Holland aufgetreten ist und eine Generation junger Fans begeistert hat, gilt der Mann mit den selbst gebauten Schrottgitarren als heißester Anwärter auf das Amt des Blues-Präsidenten – einer, dem Unabhängigkeit über alles geht, der sich durchbeißt, auch wenn es ein bischen länger dauert. Bei seinem Auftritt im rappelvollen Postbahnhof wird der 68-jährige „Man from another Time“ (so der Titel seines neuen Albums) von einem Bo-Diddley-geschulten Schlagzeuger angetrieben, während seine Slide-Gitarre feierlich krachend ihren Weg durchs Mississippi-Delta nimmt und dabei einen Musikstil rettet, der von stumpfen Gniedelpfeifen wie Gary Moore ins kulturelle Jenseits befördert wurde: Boogie-Woogie-Shaker und Swamp-Stomper, die sich glücklich der Zivilisation versagt haben. Songs, die wie alte Möbel den Fluss hinuntertreiben und Geschichten vom Leben am Limit erzählen. Zum Heulen schön. Am liebsten würde man ihn mit nach Hause nehmen, damit er dort seinen Knochenbeat weiterstampft. Doch Seasick Steve muss auch ans Geschäft denken, an seine Tonträger und T-Shirts, die zum Signieren am Verkaufsstand ausliegen. Nach einer Zugabe ist Schluss. Doch vielleicht klingelt es bald wieder an der Tür. Volker Lüke

ROCK

Hüftschwung und Haartolle: Chris Isaak im Tempodrom

Der rote Glitzeranzug, die perfekt gestylte Haartolle, der lockende Blick, die tiefe, samtene Stimme: Wenn Chris Isaak die Bühne betritt, sind Verwechslungen nicht ausgeschlossen. Doch der Eindruck täuscht: Bei aller auch optischen Ähnlichkeit zu seinem musikalischen Vorbild Elvis Presley ist Isaak auch fast zwanzig Jahre nach seinem Durchbruch unverwechselbar nicht „The King“, sondern „Mr. Lucky“. So lautet der Titel des aktuellen Albums und Isaaks bevorzugte Selbstbetitelung. Denn der 53-jährige Kalifornier gibt den kniewackelnden Vollblut-Rock’n’Roller mit E- und Akustikgitarre immer mit einer gehörigen Portion Ironie. So glitzert der fast 18 Kilogramm schwere, verspiegelte Anzug, den Isaak in der zweiten Konzerthälfte trägt, schon allein wie eine ganze Traumfabrik.

Gleich zu Beginn holt der Sänger das Publikum in der nur zu rund einem Drittel gefüllten Halle von den Sitzplätzen nach vorne an die Bühne, scherzt mit seinen fünf großartig aufgelegten Musikern und macht auch schon mal einen Spaziergang durch die Menge. Die ist begeistert von der authentisch wirkenden Performance und der erfrischenden musikalischen Interpretation der oft rasant hintereinander folgenden Stücke: Eine für einen Sommerabend perfekte, hundertminütige Mischung aus Las-Vegas-Glamour, Karibik-Flair, Tex-Mex-Staub und Gospel. Selbst Isaaks größte Schmachthits wie „Wicked Game“ und „Blue Hotel“ klingen, auf diese Weise präsentiert, beinah wie frisch aus dem Hut gezaubert. Eva Kalwa

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