KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Mit Horst Köhler:

Festkonzert für Otto Nicolai im Dom

„Lasset euch versöhnen mit Gott“ prangt es über dem Altar des Berliner Doms. Die eigentliche Versöhnung soll beim Festkonzert zum 200. Geburtstag von Otto Nicolai aber eine höchst irdische sein. Eine zwischen Privatmann und Öffentlichkeit. Es sind viele Plätze freigehalten worden für Horst Köhler – so viele, dass kein Banknachbar an ihn herankommen kann, um beim ersten Auftritt nach dem Rücktritt zu fragen, wie es a. D. so gehe. Ist der Protestant Köhler hier, um die Musik des Protestanten Nicolai zu genießen? Entschlossen wirkt der Ex-Bundespräsident zumindest, so als wolle er zeigen, dass er sein Leben jetzt wieder allein bestimmt.

Was Köhler und das Publikum zu hören bekommen, sind selten aufgeführte geistliche Werke Nicolais. Die Chorvertonungen des 100. Psalms und des Pater Noster, mit viel Liebe von der Singakademie Berlin vorgetragen, eine Festouvertüre für Orgel und zwei große liturgische Werke. Während die Kammersymphonie Berlin bei der D-Dur Messe Rücksicht auf den Hall nimmt und deshalb die Handbremse anzieht, wird das „Te Deum“ mit über 300 Stimmen des Staats- und Domchors und der Domkantorei zum Höhepunkt. Geschickt baut Dirigent Kai- Uwe Jirka Dramaturgien, etwa wenn er Annika Sophie Ritlewski im „Dignare Domine“ mit klarem Sopran alle religiöse Freudigkeit des vorher gehörten „Per singulos dies“ infrage stellen lässt. Doch der ansprechenden Darbietung zum Trotz: Nicolais geistliche Werke sind zu Recht nicht seine prominentesten. Köhler hätte auch in die Philharmonie zu Rattles Marsalis-Konzert gehen können. Doch er will es ja nicht mehr so prominent. Daniel Wixforth

KLASSIK

Mit Hintersinn: András Schiff spielt Bach im Kammermusiksaal

Der Bach-Zyklus von András Schiff ist die feste Burg im Berliner Konzertleben. Wer eine Karte für den ausverkauften Kammermusiksaal ergattert hat, zeigt damit auch, dass für ihn Demut kein Fremdwort ist und langes Sitzen durchaus zur Erkenntnis führt. Schiffs Reise durch Bachs Klavierkosmos vollzieht sich in herausfordernd dichten Etappen, aber stets fein säuberlich geordnet. Diesmal: die französischen Suiten und die Ouvertüre nach Französischer Art. Ein enzyklopädischer Zugriff, wie er gerade Renaissance in den Konzertsälen feiert. Doch spannungsreich entwickelt sich das unter Schiffs zu Beginn leicht fahrigen Händen nicht. Mit ihrem begrenzten Tonumfang, ihrer geringen kontrapunktischen Tiefe und ihrem gleichförmigen Fluss bräuchte es schon einen begnadeten Tänzer am Klavier, um den französischen Suiten einen mehr als milden Reiz einzuhauchen. Das aber ist Schiff nicht gegeben. Erst dort, wo das satztechnische Raffinement zunimmt, blüht seine Gestaltungskunst auf, bricht er mit Galanterien, intoniert unerbittlich hintersinnig – wie in der Ouvertüre nach Französischer Art. Funkenflug nach zwei Stunden Schwelbrand. Ulrich Amling

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