KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Laut und Liebe: Schönbergs „Gurrelieder“ im Konzerthaus

Die „Gurrelieder“ sind eigentlich ein Unding. Mit dem von 1901 bis 1911 entstandenen Hybrid aus Sinfonischer Dichtung, Oper und Oratorium, aus Spätromantik, Impressionismus und Expressionismus trug der 25-jährige Schönberg die Tonalität zu Grabe. Die wuchtige Elegie verleibt sich Wagner, Mahler, Strauss und Debussy ein und birgt zugleich die Verheißung auf unerhört Neues in sich. Also verlangte Schönberg für die dänische Saga vom König, der seiner gemordeten Liebsten bis ins Totenreich nachjagt und sogar Gott den Krieg erklärt, bis die gesamte Natur sich in einen Liebestempel verwandelt, eine Mammutbesetzung. Eine, die nicht nur Eruption und Ekstase kann, sondern auch wahnsinnig leise zu spielen vermag. Hauchfeines Waldweben, zarte Nachtgespinste, fiebrige Verzückung: Lothar Zagrosek am Pult hat es nicht leicht, die Dynamik seines XXL-Konzerthausorchesters und des Rundfunkchors (verstärkt vom Nationalen Männerchor Estlands und vom Prager Philharmonischen Chor) so auszutarieren, dass sich Sprecher Udo Samel und die Solisten noch Gehör verschaffen können.

Melanie Diener, Daniel Kirch, Daniel Ohlmann, Ralf Lukas – sie kommen gegen die gut 300 Musiker und Sänger mitunter nicht an. Einzig Claudia Mahnke stattet die weitgespannten Intervalle ihrer Waldtauben-Klage mit derart energischem Vibrato und innerer Glut aus, dass einen die reichlich befremdliche Naturmystik des Werks mitten ins Herz trifft. Mummenschanz, Chorgeheul, schrille Piccoloflöten – das Lautmalerische und Groteske gelingen vorzüglich. Das Schillernde, Schimmernde, Verschattete, sehr Französische dieser zunehmend faserigen, sich zersetzenden Musik verbleibt jedoch sehr im Diesseits, im vordergründig Konkreten. Der Moment, in dem Schönbergs komplexes Tongeflecht ins Amorphe kippt, er fehlt an diesem Abend. Jubel im Saal, nach dem alle Sinne blendenden C-Dur-Sonnenaufgang am Ende. Christiane Peitz

TANZ

Volles Risiko: Schüler tanzen

zu Wynton Marsalis in der Arena

Die Idee ist naheliegend. Wie die große Eröffnungsfeier einer Fußball-WM gestaltet Choreograf Rhys Martin den Auftritt der 170 Kinder und Jugendlichen, die beim achten Tanzprojekt der Berliner Philharmoniker in der Arena mitmachen. Komponist Wynton Marsalis war mit seiner „Swing Symphony“ erst kurz vorher fertig geworden, für die Proben musste ein elektronischer Entwurf genügen. Jetzt sitzen die Musiker von Marsalis’ Jazz at Lincoln Center Orchestra unter den Philharmonikern und sorgen dafür, dass der Abend den nötigen Swing bekommt. Simon Rattle dirigiert, die Schüler aus Friedenau, Schöneberg und Prenzlauer Berg laufen hin und her, bilden Grüppchen und Paare, setzen Hula-Hoop-Reifen, Stangen und Netze ein, tragen Tutus, die aussehen wie gelbe Monde. Einige haben Mikrofaserwischmops auf dem Kopf.

Natürlich sind da Unsicherheiten, die Linien sind nicht immer gerade – egal. Es geht darum, Risiken einzugehen, Selbstvertrauen zu bekommen, den eigenen Körper kennenzulernen. Einige strahlen, andere sind voll mit sich beschäftigt, wieder andere scheinen stumm zu leiden, vor allem Ältere fallen häufiger aus der Rolle und kichern. Vor der schieren Menge der Teilnehmer scheint Rhys Martin kapituliert zu haben. Die farbenprächtigen Kostüme können nicht verhindern, dass sich bald Monotonie einstellt. Jeder Einzelne gibt sicher sein Bestes. Im Ganzen wirkt das trotzdem eintönig. Udo Badelt

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben