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Deftiger Sog: die Philharmoniker unter Semyon Bychkov

Als Einspringer für Riccardo Muti hat sich Semyon Bychkov den Berliner Philharmonikern vor 25 Jahren vorgestellt, um als Gast wiederzukommen, zuletzt 2009. Jetzt übernimmt er die Konzerte für den erkrankten Seiji Ozawa in Berlins Philharmonie (noch einmal heute) und auf einer kleinen Tournee. Statt der japanischen Farbe eines Takemitsu, die Ozawa liebevoll als Tribut an seine Heimat geplant hatte, und Tschaikowsky (!) wählt der russische Dirigent kosmopolitisch Ravel und Brahms. Im Zentrum bleibt Tabea Zimmermann mit Bartóks Bratschenkonzert, dem unvollendeten, von Freundeshand ergänzten Spätwerk. Wie schön Zimmermanns Solo in der Höhe klingt, aber eben doch mit der Viola-Wärme, das erinnert an F. M. Beyers Konzert, das sie 2007 uraufgeführt hat. Bartók interpretiert sie wie ein Selbstgespräch des Instruments, ungarische Nationalkunst aus der Ferne. Tänzerischer Ausklang, den sie leidenschaftlich auflädt. Bychkov nimmt Ravels „Tombeau de Couperin“ eher pauschal.

Dann aber die Zweite von Brahms. Mendelssohn „liegt fortdauernd auf dem Klavierpult“: Diese Seite der Musik überlässt Bychkov besonders den Solisten, unter denen Andreas Blau, Albrecht Mayer und Paolo Mendes glänzen, dieser ein frisch von der Rostocker Hochschule kommender neuer Solohornist des DSO. Bychkov aber zeigt sich als entwickelnder Dirigent, der Bögen, Tempi und Kontraste vermittelt, mitunter ein bisschen Haudrauf. Aber er lebt eine Brahms-Interpretation vor, deren Sog sich kaum jemand entziehen kann. Sybill Mahlke

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Zarte Süße: die Akademie der Philharmoniker im Kammermusiksaal

Mit der Intendantin geht nun auch die Mutter. Es ist Pamela Rosenbergs letztes Konzert als Vorstand der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker. Es gibt Rosen und Küsschen von den jungen Musikern, und Rosenberg selbst spricht von „Muttergefühlen“, die sie für die Stipendiaten entwickelt habe. Das größte Dankeschön aber ist das Konzert, ist die Leidenschaft, mit der die Mitglieder der Akademie dieses anspruchsvoll-trockene Programm servieren. Klassische Moderne und Zeitgenössisches, ergänzt um Ravel – das lässt viele Sitze im Kammermusiksaal leer. Doch das kleine Liebhaber-Publikum kommt auf seine Kosten: Schon bei Varèses „Octandre“ und noch mehr bei Ligetis Bagatellen für Bläserquintett meistern die Stipendiaten den Spagat zwischen technischer Rationalität und filigranem Gestaltungsgespür mit Bravour. Wie der junge Ligeti in der dritten Bagatelle als an Bartók orientierter Melodiker präsentiert wird, das hat schon eigene Klasse. Eher am reifen Ligeti orientiert sich die Musik von Bruno Mantovani, der mit dem Claudio-Abbado-Kompositionspreis ausgezeichnet wird und bei der Uraufführung seines „Concerto de Chambre No. 1“ selbst am Pult steht: Vertikale Schichtungen lösen einander ab, verknüpft durch Orgelpunkte in der Harfe, unterbrochen von Solo-Aufschreien. Eine fragmentarische Affektästhetik, die in ihrer Bauart deutlich an Ligetis „Aventures“ erinnert. Ravels F-Dur-Streichquartett – wunderbar süß, bisweilen fast zu zaghaft vorgetragen – wirkt dann auf angenehme Weise prähistorisch. Ovationen! Daniel Wixforth

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