KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Lebensbejahend: Lothar Zagrosek und das Konzerthausorchester

Ein XXL-Konzertabend, kräftezehrend für alle Beteiligten wie ein Fußballspiel inklusive Verlängerung und 11-Meter-Schießen. An den Anfang setzt Lothar Zagrosek das 1996 entstandene Violakonzert von Sofia Gubaidulina: Eine Reverenz an den scheidenden „artist in residence“ seines Konzerthausorchesters, den Bratschisten Antoine Tamestit. Die Komponistin nimmt sich viel Zeit, lässt den Solisten lange monologisieren. Tamestit aber spielt mit so innigem Ton, dass man ihm gerne folgt, gebannt zuhört beim dissonanten Reiben, rhapsodischen Raunen, beim Aussingen leidenschaftlicher Kantilenen. Wie schwarzes, träges Wasser schwappt dazu das Orchester, braust nur ein Mal orkanartig auf. Tief gehende Musik, die auf sanft nachdrückliche Weise die ganze Konzentration auch der Zuhörer fordert. Danach möchte man an diesem Sommerabend Beethovens „Pastorale“ hören, vielleicht gerade noch Debussys „La mer“. Doch Zagrosek hat sich für Gustav Mahlers Neunte entschieden. Soll man dem Dirigenten dankbar sein, dass er so wenig Schmerz in das 75-minütige Monument übers Abschiednehmen legt? Er startet im beschwingten Tanzgestus, Pirouetten auf dem Vulkan bis zum ersten Höhepunkt, dann düsteres Brüten, aus dem wiederum eine duftige Melodie erblüht und so weiter. Eine bunte Folge von Tableaux, ohne die subkutanen Strömungen, die den Weltanalytiker Mahler vom Tondichter Richard Strauss unterscheiden. Kunstvoll bäurisch der Ländler, eine energetische Angelegenheit das Rondo. Das Konzerthausorchester spielt klangschön, ausgewogen, selbst in den Extremen niemals wuchtig. Etwas Existentielles aber entwickelt diese Musik so nicht. Kein Ringen mit dem Tod auch das finale Adagio – sondern ein sanftes, endloses Wiegenlied: Ruhe in Frieden. Frederik Hanssen

KLASSIK

Deutsche Oper: Neville Marriner

dirigiert das Hausorchester

Seit einiger Zeit werden die Besucher der Deutschen Oper von 16 Fontänen empfangen, die in ihrer symmetrischen Strenge die Architektur des Hauses aufnehmen. Beim Konzert des Orchesters der Deutschen Oper fanden sie jetzt auch eine musikalische Fortsetzung. In seiner Tondichtung „Fontane di Roma“ hat Ottorino Respighi die Wirkung vier römischer Brunnen zu verschiedenen Tageszeiten verarbeitet. Neville Marriner, inzwischen weit über 80, pflegt am Pult eine minimalistische Gestik. Nur Unterarm und Hand kommen zum Einsatz. Damit arbeitet Marriner die riesigen Crescendi des Stückes aber ausgezeichnet heraus. Von den Brunnen Italiens geht die Reise weiter nach England und Frankreich, um schließlich in Wien zu enden. Felicity Lott singt Benjamin Brittens Vertonung von Rimbauds „Les Illuminations“ mit silbrigem, intonationssicherem Sopran und einer Grandezza, die der oft hysterischen Musik die nötige Ruhe entgegensetzt. Nicht mehr ganz so gut liegt ihr nach der Pause Maurice Ravels Liederzyklus „Shéhérazade“. Der rezitativische Charakter der Singstimme und die flächige, wie komponierter Stillstand wirkende Musik bieten ihr nicht genug Gelegenheit für dramatische Gestaltung. Ob sich Marriner danach noch zu lange im Bann der Poesie befand? Richard Strauss’ Rosenkavalier-Suite jedenfalls beginnt zäh. Erst spät finden er und das Orchester auch in den Walzer-Passagen zu Glanz und jenem Schmäh, der dieser „wienerischen Maskerad“ wohl immer noch am besten ansteht. Udo Badelt

PERFORMANCE

HAU 1: Baudrillards Sterbekunst ersteht noch einmal auf

Es wird viel gequalmt auf der Bühne. „Das war einfach so in diesen Zeiten, da haben ja alle geraucht, ne.“ Der Geist der achtziger Jahre durchweht das HAU 1. Denn die Basler Theatertruppe Capri Connection entwickelt ihr Thema „Ars moriendi“ aus der Gedankenwelt des französischen Philosophen Jean Baudrillard. Er verkündete in Büchern wie „Der symbolische Tausch und der Tod“ die Auflösung jeglicher Wirklichkeit – auch der des Todes – durch die Allgegenwart der Medien. Nur der terroristische Akt, glaubte er, könne die bloße Simulation von Ereignissen noch durchbrechen. Die Diskussion „Tod der Moderne“, die die „Konkursbuch“-Verlegerin Claudia Gehrke 1983 veranstaltete, lässt Regisseurin Anna Sophie Mahler dokumentarisch nachstellen, zwischen den Glasvitrinen eines Museums (Bühne: Duri Bischoff) nach dem Menschheitsende. Gehrke als erotische Brillenschlange, Baudrillard vom Monitor aus dozierend, der von Selbstverbrennung faszinierte Kollege Gerd Bergfleth – sie alle schwadronieren vom Tod. Dass das anstrengend-amüsante Spiel zunehmend berührt, liegt an der Musik: Die von Anthony Rooley geleitete Schola Cantorum Basiliensis schafft mit klarstimmigen „Funeral Sentences“ von Henry Purcell und anderen Barockgesängen den Sprung ins echte Leben: Am Schluss ziehen die Musiker wie ein langer Begräbniszug durch den Raum. (Noch einmal heute Sonntag, 19.30 Uhr) Isabel Herzfeld

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