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POP

Spaziergang zu den Eisbergen:

Beach House spielen im Lido

In Berlin hätten Beach House immer tolle Konzerte gehabt, sagt Gitarrist Alex Scally. Das habe aber jetzt nichts speziell mit der Stadt zu tun, denn: „Everyone’s from Everywhere.“ Schön, dass bei der heuer nicht mehr ganz so witzigen Heimatlandeuphorie jemand die internationalistische Perspektive hochhält. Das eigentlich zum WM-Club umfunktionierte Lido ist am spielfreien Donnerstag ausverkauft. So sind am Ende alle durchgeschwitzt, auch wenn es nichts zu tanzen gab.

Denn in emotionaler Hinsicht steht der Dream Pop des Duos Beach House aus Baltimore dem Eisschrank näher als dem Stadion. Erinnerungen an Parkspaziergänge, Liebeserklärungen an norwegische Landschaften ... Klingt nach Eskapismus an der Grenze zur Langeweile, ist aber immerhin vornehm abgeklärt. Scally absolviert seine filigranen Pickings größtenteils im Sitzen, so dass es Sängerin Victoria Legrand mit ihrem rauen Timbre überlassen ist, am Keyboard mit angedeutetem Schütteln der Locken für die Posen zu sorgen. Die Spieluhrhaftigkeit der Arrangements erinnert an Blonde Redhead, die Hall-getränkte Traumatmosphäre an Mazzy Star, die repetitiven Melodiebögen an Hippierock. Der Tourschlagzeuger ergänzt variationsarm die Loop-Einspielungen. Ein Sog entsteht durch Reduktion, in minimalen Variationen ums Immergleiche. Das funktioniert zumindest als Gesamtinstallation mit verhaltenem Lichteinsatz und den Eisblockskulpturen aus Spiegelfolienstreifen, die sich im Hintergrund auf Stelzen drehen. Kolja Reichert

FILM

Die Dicken zu uns: die spanische Komödie „Gordos“

Allein das Stichwort Gruppentherapie löst bei vielen schon im Vorfeld phobische Reaktionen aus. Was tun, wenn die Realität die schlimmsten Befürchtungen noch übersteigt und der Therapeut gleich bei der Anfangssitzung seine fettleibigen Klienten auffordert, die Kleider abzulegen? In der Szene, die Autor und Regisseur Daniel Sánchez Arévalos an den Anfang seiner Komödie „Gordos“ gesetzt hat („gordo“: spanische für dick, fett), steigen vier der acht Klienten sofort aus. Der Rest ist unerschrocken genug, für die nächsten 120 Minuten dabeizubleiben. Das ist tapfer, denn es geht ans Eingemachte: Statt Kalorien und Magerquark geht es um Seelenlage und Lebenslügen.

Arévalos nimmt die Gewichtsprobleme seiner Figuren zum Anlass für einen sozio-moralischen Rundumschlag durchs spanische Mittelstandsleben, der auch den keineswegs übergewichtigen Therapeuten Abel einschließt und almodovareske Schrillerei mit Seifenoper- Motiven und -optik kombiniert. Dabei geht ’s weniger um Pfunde als um Sex, wie so oft im spanischen Kino. Da ist eine ob der frömmelnden Enthaltsamkeit ihres Verlobten frustrierte Braut. Ein schwuler Entertainer, der einst selbst für ein Schlankheitsmittelchen warb und jetzt an den amourösen Avancen der Ex-Frau seines Ex-Partners laboriert. Eine Geschäftsfrau, die um die Leidenschaft ihres abwesenden Geliebten bangt und selbst untreu wird. Und der einzige wirklich Dicke: Ein genetisch vorbelasteter Familienvater, der an der abstammungsmäßigen Legitimität seiner Tochter zu zweifeln beginnt.

Viele aus Serie und TV vertraute Standardsituationen also, die der Filmemacher zu einem locker gewebten Szenenteppich verknüpft. Das ist schön bunt, auch amüsant, aber kaum herzergreifend. Schon „Dunkelblauschwarz“, Arévalos’ Debütfilm von 2006, war trotz brillanter Inszenierung und Anti-Bigotterie von einem enervierenden Männlichkeitswahn durchzogen. „Gordos“ knüpft hier an, als tragikomische Groteske, die in ihrer doppelten Fixierung auf Sex und Familienwerte aufschlussreiche Einblicke in das spanische Seelenleben gewährt. Doch die meisten Zuschauer jenseits der katholischen Hemisphäre dürfte sie eher ratlos zurücklassen (Kulturbrauerei, Moviemento, Off). Silvia Hallensleben

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