KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Auf zum Tanz: Thomas Dausgaard

mit dem Konzerthausorchester

Er benimmt sich nicht wie ein Maestro von Welt, eher linkisch, wenn er versucht, einzelne Solisten mit lobendem Wink aus dem Orchester hervorzuheben. Der Applaus ist dennoch stark, weil das Publikum spürt, dass ein Musiker von fühlender Seele sich verausgabt. Thomas Dausgaard, seit Jahren Chefdirigent des Dänischen Nationalorchesters, macht beim Konzerthausorchester Berlin Station und leitet dessen Saisonabschluss.

Da bei der lähmenden Sommerhitze von Sportlichem abgeraten wird, ist es angenehm, im kühl klimatisierten Konzerthaus ein Tanzprogramm zu absolvieren. Das reicht vom „Menuett des Lully“ bis zum Furiant, dem feurigen böhmischen Volkstanz. Hier bildet er das Scherzo in der sechsten Sinfonie von Dvobák, die mitreißend an nationale Folklore anknüpft. Dausgaard tanzt den Furiant bis in die vibrierenden Fingerspitzen. Er ist ein Dirigent, der sich mit der Musik selig verbiegt und bis zur Pantomime mehr veranschaulicht, als ein Orchester von Rang eigentlich nötig hat. So wird das Stück zu einem rechten Rausschmeißer.

Die vorangestellte Orchestersuite aus der Bühnenmusik zu Molières „Bürger als Edelmann“ (daher die Hommage à Lully) ist hingegen fragile Musik. Als gemeinsamer Dank von Hofmannsthal und Strauss an Max Reinhardt sollte die Oper „Ariadne“ ursprünglich nach der gekürzten Komödie um den zum Adelstitel strebenden Bourgeois gegeben werden. Eine Zwittergestalt. Der Plan war ein Schmerzenskind des Dichters wie des Komponisten, „Gähnen beim Molière“ (Hofmannsthal) und das neu definierte Vorspiel die Folge. Bei der Suite ist Dausgaard mit seiner zuckenden Gebärde wenig hilfreich. Das Orchester spürt die Herausforderung: Die kapriziöse, tänzerische Partitur funkelt in allen Teilen wie das Gewand, das der neureiche Bürger tragen will. Und einer der tanzenden Schneider, die es gefertigt haben, ist auf dem Podium Konzertmeister Michail Sekler. So führt er die fabelhaften Streicher an: Schauspielmusik als kleines Violinkonzert. Sybill Mahlke

KUNST

Auf den Punkt: Karl Arnold

in der Berlinischen Galerie

Die Filmdiva ist empört. Zwischen Hund, Katze und Fanpost liegt sie in ihrem rosafarbenen Hotelbett, blickt von der Zeitung auf und herrscht das Tee servierende Zimmermädchen an: „Der Sprechfilm kommt – und isch hab’ einen Zschungenfehler.“ Beißend kommentierte Karl Arnold das Berlin der zwanziger Jahre. Er ist nun mit der Ausstellung „Hoppla, wir leben!“ in der Berlinischen Galerie zu sehen (Alte Jakobstraße 128, bis 27. September, Mi–Mo 10–18 Uhr). Immer wieder reiste der Karikaturist aus Oberfranken an die Spree, um „das Absonderliche dieser verrückten Stadt“ und die Macken ihrer Bewohner zu erforschen. So brachte er die Friedrichstraße zu Papier, auf der sich Damen in Pelz und Herren mit Zigarren drängen, dem Feinkostladen am Rand mehr Beachtung schenkend als dem Bettler mit nur einem Bein.

Arnold brauchte wenig Farbe und Worte, um seine Geringschätzung für eine vor Überfluss strotzende Oberschicht auszudrücken, die ihre Hunger leidenden Nachbarn gezielt ignorierte. Manchmal reichte ihm ein aufgeschnappter Satz. Dann zeichnete er einen Jazzclub, in dem sich Menschen in exquisiter Kleidung zu Saxofonklängen wiegen – und gab dem Ganzen einen passenden Titel dazu: „...tja, unangenehm – sie hat ihn mit ihrer Hausfreundin überrascht.“ Ob soziale Unterschiede oder Untergang der Weimarer Republik: Karl Arnold, der zeitlebens für den „Simplicissimus“ arbeitete, beobachtete Missstände präzise. Und brachte sie in Umrisslinien auf den Punkt. Annabelle Seubert

METAL

Auf die Zwölf:

Anvil im C-Club

Eine bessere Vorband hätten Anvil nicht bekommen können. Girlschool repräsentieren auf ihre Weise die Lebensschule des aufrechten Scheiterns: Als erste reine Frauenband im Heavy Metal hatten sie vor gut 30 Jahren ein paar kleine Hits, der Durchbruch blieb ihnen indes verwehrt. Doch die vier Britinnen ließen sich dadurch ebenso wenig aufhalten wie ihre kanadischen Gastgeber. Als Fiftysomethings sehen sie aus wie Desperate Housewives mit Lederhosen und Nietengürteln, aber ihren schnörkellosen Metal-Punk rotzen sie so cool runter, als wäre die Zeit 1982 stehen geblieben. Dann Anvil. Wer gehofft hatte, der tolle Dokumentarfilm „The Storyof Anvil“ würde neue Zuschauermassen mobilisieren, sieht sich getäuscht. Im C-Club verlieren sich vielleicht 300 Leute, zu 90 Prozent alte Fans. Im Vergleich zu manchen Konzerten aus dem Film ist das aber ein Massenauflauf. Live sind Anvil die rührendste Metalband der Welt. Sänger und Gitarrist Steve „Lips“ Kudlow wirkt wie eine Muppet- Show-Ausgabe von Ozzy Osbourne: ein 54-jähriger Gutelaune-Zausel, der sich für keinen Scherz zu schade ist – das obligatorische Gitarrensolo mit vibrierendem Metalldildo darf ebenso wenig fehlen wie eine Hotelzimmer-Groupie-Story des erztreuen Familienvaters. Und falls eine Band hadert, weil sie vor halb leerem Saal spielt, sollte sie bei Lips Nachhilfe nehmen: Der gibt die lautstarke Begeisterung der Aufrechten mit einer Emphase zurück, als würde er im ausverkauften Olympiastadion auftreten. Zu seinen hinreißend anachronistischen Gniedeleien auf der Flying-V-Posergitarre pluggert der neue Bassist Glenn Five, während im Hintergrund Lips’ bester Freund Robb Reiner rumpelt – ein Trommelderwisch, dessen Solo ihn als Großen seines Fachs ausweist. Nach 90 Minuten Show ist noch Basisarbeit angesagt: Wirklich jeder bekommt ein Autogramm, darf mit Lips und Robb plaudern und Fotos machen. Legenden zum Anfassen.Jörg Wunder

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