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OPER

Der Klang der Guillotine: Poulencs „Karmeliterinnen“ in der UdK

Natürlich könnte man Francis Poulencs Oper „Dialoge der Karmeliterinnen“, in der eine Gruppe von Nonnen während der Französischen Revolution lieber die Guillotine besteigt, als dem Glauben abzuschwören, problemlos auf die Gegenwart beziehen. Werden nicht auch heute (Afghanistan!) die Symbole älterer Religionen von neuen Machthabern fanatisch zerstört? Am Sonnabend an der Universität der Künste wirkt diese Geschichte trotzdem sehr fern, und das liegt sicher auch daran, dass man sich den Weg durch Hitze und tausende ekstatisch jubelnde deutsche Fußballfans bahnen muss. Die Regie von UdK-Professorin Karoline Gruber trägt dazu bei, schnell die Konzentration wiederzufinden.

Das Kloster ist ein sich nach hinten verengender Raum, der nur über Leitern betreten werden kann (Bühne: Jennifer Wjertzoch): Sinnbild von Ausweglosigkeit und einer isolierten Existenz im Glauben. Im zweiten Akt, als die Revolution das Ordensleben bereits in seinen Grundfesten erschüttert hat, ist von dieser Kulisse nur noch das Gerippe übrig. Ganz und gar nicht skelettiert klingt dagegen das Sinfonieorchester der UdK unter Errico Fresis. Es beherrscht beide Aggregatzustände dieser Partitur, die nicht von Angst, sondern von göttlicher Gnade spricht, also sowohl die sanften Passagen als auch die dramatischen Zuspitzungen. Wenn die Revolution immer unerbittlicher in die Handlung eindringt, entfaltet der Sopran von Ana Maria Pinto als Blanche de La Force seinen größten Glanz. Weniger präsent ist sie in den verinnerlichten, reflektierten Szenen. Füllig und weit tragend dafür der Mezzo von Josefine Weber als Schwester Maria. Josephine Rösener hat einen starken Auftritt als sterbende Ordensmutter, der Schmerz und die entsetzliche Enttäuschung, von Gott nach 30 Jahren Dienst verlassen worden zu sein, sind in ihrem schneidenden Alt körperlich spürbar. Schneidend ist auch der Klang der Guillotine. Am Ende geht eine Nonne nach der anderen in den Tod. Das bassverstärkte Geräusch der Klinge fährt durch Mark und Bein. Im Jubel des Publikums gleicht sich die Kunst dann doch noch der Straße an. (wieder vom 6. bis 8. Juli, 19 Uhr) Udo Badelt

AUSSTELLUNG

Der Rave der Straße: Die 100 besten Plakate von 2009 im Kulturforum

Im Idealfall verwandeln Plakate die Straße in eine Kunstausstellung. Die Realität sieht jedoch meist anders aus. Im Foyer des Kulturforums Potsdamer Platz (Matthäikirchplatz 4-6, bis 25. 7.; Di-So 10-18, Do bis 22 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr) hängen Plakate, die in ihrer Zusammenstellung hochoffiziell als Ausstellung betitelt sind: die 100 besten Plakate von 2009 aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eine Rangfolge gibt es nicht, alle sind zum gleichen Anteil Sieger. Und so hängen jetzt Graphiken neben Porträts neben Fotografien. Die Mehrheit der Plakate kündigen Ausstellungen, Theaterpremieren und Festivals an. Ästhetisch ragen die Beiträge von Kunsthochschulen wie der in Stuttgart oder Berlin hervor.

Plakate, „Flächen, die ins Auge springen“ (Hans Hillman) sind immer auch Spiegel gesellschaftlicher und politischer Ereignisse. Da hängt eine riesige Blüte im Baum, und erst beim dritten Hinschauen erkennt man, woraus sie besteht: Sie ist aus Plastikmüll gemacht und propagiert natürlichen Abfall. Unweit beugt sich ein übergroßes Kreuz vor knallrotem Hintergrund bedrohlich über ein winzig kleines Minarett. Überraschend sind die Plakate zum Christopher-Street-Day in Leipzig. Nur die Ränder von Porträts sind sichtbar, die Gesichter verdeckt eine weiße Fläche, bedruckt mit der Frage: „Finden Sie die Gehaltserhöhung Ihres Kollegen gerechtfertigt?“ Und darunter kleiner: „Auch wenn sich herumspricht, dass er ein Verhältnis mit einem Mann hat?“ Kunstvoll inszeniert lässt die Schau Debatten und Ereignisse des vergangenen Jahres Revue passieren. Laura Backes

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