KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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THEATER

Blut und Boden:

„Philotas“ im Berliner Ensemble

Noch war Lessings Trauerspiel „Philotas“ nicht aufgeführt, als es 1759, im Jahr seines anonymen Erstdrucks, in den „Freimütigen Nachrichten“ aus Zürich mit heftigem Zorn zur Kenntnis genommen wurde. „Windichte Prahlereien eines falschen Helden“, erkannte der Rezensent in dem Einakter. Philotas, ein junger Prinz, wird im Krieg zwischen zwei kleinen Königreichen verwundet und gefangen genommen. Er klagt über die Schmach, die dem gegnerischen Herrscher einen GeiselVorteil zuspielt – und tötet sich, um dem geliebten Vater die Initiative zurückzugeben. Lange galt das Missverständnis, Philotas’ Schwärmereien von Schwert, Blut und Tod könnten ein Lessingsches Denkmodell sein. Erst Friedo Solter gelang 1987 am Deutschen Theater die Ehrenrettung. Die Titelrolle spielte Ulrich Mühe, die Aufführung, in den Kontext des Siebenjährigen Krieges gestellt, machte den Missbrauch ideologisch leicht entflammbarer junger Menschen zum Thema.

Boris Jacoby geht jetzt bei der Inszenierung des Trauerspiels im Pavillon des Berliner Ensembles (wieder in der nächsten Spielzeit: 7., 9., 20., 27. September) einen anderen und doch ähnlichen Weg. Er dämpft die patriotische Schwärmerei, lässt Philotas in einem leidenschaftlichen gedanklichen Prozess zu seinen fragwürdigen Entscheidungen kommen. Sabin Tambrea spielt den Knabenkrieger, der sich immer wieder in sich selbst zurückzieht. Er macht deutlich, wie der große Junge in einer durchaus humanen Gefangenschaft zerrieben wird, durch Vorbilder an soldatischer Pflichterfüllung, denen er in der Isolation begegnet. Auf einem asymmetrischen, von Spiegeln umstellten Podest (Bühne und Kostüme Maria-Elena Amos) findet der Tanz um Tod und Leben statt – der Raum ist unpersönlich und bedrohlich, gerade in seiner Aufgeräumtheit. Hier treten Philotas die Haudegen beider Heere und der fremde König gegenüber. Tambrea windet sich, fällt in Unruhe, schreitet das „Feld“ ab, auf dem er nun leben muss.

Wie sich ein Entschluss formt, aus Besonnenheit und entzückter Raserei, das hat Kraft. Den beiden Kriegern (Alexander Ebeert, Jörg Thieme) gesteht der Regisseur parodistische Glanzlichter zu, so konterkariert er würdevolle Gestelztheit. König Aridäus erhält bei Martin Schneider eine kostbar falsche, fast pädophile Väterlichkeit. Kein Härchen wird Philotas im Gefängnis durch die auf Blutvergießen spezialisierten Haudegen gekrümmt – aber seinen Lebensanspruch kann er nicht bewahren. Christoph Funke

KLASSIK

Bodenständig: Christian Rieger spielt Bach im Radialsystem

Seine Einführung in Bachs Goldberg-Variationen ist fast lebendiger als die Musik selbst. Vielleicht wird Christian Riegers Darbietung ja durch die stickige Luft im Radialsystem oder das drückende Wetter überhaupt zu einer etwas zähen Angelegenheit. Cembali reagieren darauf ja besonders sensibel. Der Cembalist aus Leidenschaft durchforstet kenntnisreich die Canones all’Unisono bis alla Nona oder das Volkstümliches verwertende Quodlibet auf verborgene Polyphonien und kühne Harmonik. Doch das wird nicht so recht zum Klang. Beeinträchtigt die Konkurrenz durch die moderne Tastenwelt – untrennbar mit dem Namen Glenn Gould verbunden – mit ihren Möglichkeiten an Ausdruck und Dynamik hier die Wahrnehmung?

Rieger jedenfalls verzichtet auch auf das Farbspektrum des Cembalos, beschränkt sich auf das leichtere Timbre des oberen, das volltönende des unteren Manuals. Das hat seine Reize in den Variationen für „zwei Claviere”“; etwa in den hingetupften Läufen der Nr. 11, dem kokett punktierten „Siciliano” der Nr. 7 oder in der sensiblen, dem gesanglichen Thema („Aria”) stark ähnelnden Nr. 13. Schön, dass hier ein bodenständiger, nicht verzärtelnder Klang regiert. Doch in den Schlussvariationen, die vor Virtuosität nur so übersprudeln müssten, fehlt es oft an behender Klarheit, und auch die einmanualigen Kanons entwickeln ihren Stimmverlauf nicht mit überzeugender Durchschlagskraft. Und wo sind die wunderbaren Ausdruckssteigerungen der dann ganz ins Nichts zurückfallenden Seufzerketten der Moll-Variation Nr. 25? Die 14. Folge des 27-teiligen Panoramas „Der ganze Bach“ belässt die überwältigende, aus dem Denken geschöpfte Phantasie des Tonsetzers auf eher akademisch-korrekter Ebene. Isabel Herzfeld

KUNST

Handwerk mit süßem Boden:

Ebru Özseçen in der Tanas Galerie

Das Wasser läuft dem Betrachter im Munde zusammen, schaut er sich die Videoarbeiten der türkischen Künstlerin Ebru Özseçen an. Darin ist die Herstellung von Schokolade oder Lakritz zu sehen, und Schleck- und Schmatzgeräusche sind schon zu hören, bevor der Besucher den abgedunkelten Raum in der Tanas Galerie betritt (Heidestr. 50, bis 7. 8., Di - Sa 11 - 18 Uhr). Die Großprojektion zeigt eine junge Frau, die sich beim gierigen Verzehr einer riesigen Zuckerkugel fast den Kiefer verrenkt.

Die 1971 in Izmir geborene Özseçen verbindet die türkische Liebe zu Süßigkeiten mit der Faszination für das Handwerkliche. Der Block schwarzgelber Lakritze, der in Zeitlupe geformt und geknetet wird, wirkt geradezu lebendig und erinnert an einen Salamander. Auch beim Filtern dickflüssiger schwarzer Schokolade durch einen Seidenstrumpf entstehen immer wieder neue Figuren.

Körper und Formungsprozesse sind das eigentliche Thema der Künstlerin, die Verfestigung weicher, fließender Substanzen, die einer Hülle bedarf, eines Halts. „Corset“ hat Özseçen eine Installation genannt, deren Elemente, hautfarbene Prothesen, im Raum schweben. Als Modell wählte die sie in ihren eigenen Körper. Die beiden für den Formungsprozess notwendigen Elemente – Hülle und Masse – verbinden sich zu der zentralen Arbeit „Kismet“, die der Ausstellung auch ihren Namen gibt. Der Begriff stammt aus dem 17. Jahrhundert und bedeutet soviel wie Fügung. Inspiriert ist die Arbeit von einem Fundstück aus einem Amsterdamer Antiquitätenladen: eine Elfenbeinkugel, in deren Gehäuse ein kleines Etui mit beschrifteten Bohnen enthalten war, auf denen wiederum Namenskürzel standen.

Angeblich handelt es sich um das Lieblingsspielzeug einer französischen Comtesse, die mit der Wahl einer Bohne ihren Liebhaber für die nächste Nacht bestimmte. Ebru Özseçen übersetzt diesen Fund in eine Skulptur, indem sie einen kegelförmigen Rumpf aus Bullenhodenleder anfertigen ließ, auf den sie eine Kugel aus Ebenholz montierte. Der Kern der Dinge: Das männliche und das weibliche Prinzip sind darin aufgehoben. Louise Zwirner

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