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KLASSIK

Heißkalt: Das Armida-Quartett

im Musikinstrumentenmuseum

Eine neue Sicht auf ein Meisterwerk, das von den Größten der Zunft landauf, landab gespielt wird, ist für jeden Künstler etwas Außerordentliches. Dem jungen Armida-Quartett, das zurzeit noch beim hochgeschätzten Artemis-Quartett an der Universität der Künste in die Lehre geht, gelingt das in der 1. Sommermatinee der Gotthard-Schierse-Stiftung im Musikinstrumentenmuseum. Schuberts d-Moll-Quartett „Der Tod und das Mädchen“ erklingt in solcher Intensität, dass der eisgekühlte Curt-Sachs-Saal plötzlich noch heißer glüht als die Sommersonne da draußen. Da werden die Akzente im Kopfsatz zum Aufschrei, erklingt das Variationsthema aschfahl, fast schon blutleer, bevor es sich zu der klanglichen Wärme aufschwingt, die ein Markenzeichen dieser jungen Formation ist. Äußerste Kontrastschärfe und hochemotionale Spannung auch im Totentanz-Finale – dass hier nicht immer letzte technische Geschliffenheit herrscht, verstärkt eher den Eindruck: Das ist keine „schöne Musik“, das ist ein existenzielles Drama.

Die zeitweilige Rauheit der SchubertInterpretation verbindet mit Leos Janaceks Streichquartett Nr. 1: Auch sein Titel „Kreutzersonate“ (nach Tolstois Erzählung) deutet auf tödliche Dramatik hin. Dem Aufseufzen des Anfangsmotivs folgt heftige Bewegung, die aber immer transparent durchgehört und vom melodischen Zusammenhang bestimmt ist. Flirrende Tremoli bezeichnen immer wieder den Einbruch der Katastrophe – eine fiebrige Erregung, die auch Anton Weberns hochromantischen, wunderbar organisch gestalteten „Langsamen Satz“ von 1905 bestimmt. Hier können sich die jungen Musiker bestens einführen: Martin Funda und Johanna Eschenburg mit klanglich gleichwertigem Violin- Schmelz, Peter Philipp Staemmler mit Cello-Sensibilität und Teresa Schwamm mit schlankerem Bratschenton von fulminanter Strahlkraft. Isabel Herzfeld

KUNST

Halbernst: Ian White

in der Daadgalerie

Der Performer schweigt. Seine Thesen werden per Videobeamer an die Wand geworfen, während ein Radio läuft. Nachdem der Künstler einige Zeit auf einem Bein gestanden hat, tanzt er ballerina- like aus dem Raum, was mit heruntergezogenen Hosen einigermaßen albern wirkt. Die Performances von Ian White beginnen als Vorträge, laufen dann aber aus dem Ruder. „Democracy“ vergleicht unsere Zeit mit der elisabethanischen Ära („das erste Zeitalter des Spektakels“) und ist noch einmal am Samstag um 20 Uhr zu sehen: als abschließendes Event zum Projekt „Ibiza Black Flags Democracy“ in der daadgalerie (Zimmerstraße 90/91, bis 17.7., Mo-Sa 11-18 Uhr).

Bis auf ein paar handelsübliche Digitalbilderrahmen im Schaufenster der Galerie, auf denen Whites Fotoarbeiten zu sehen sind, lässt sich kaum von einer Ausstellung sprechen. Die Stuhlreihen der Hörsaalsituation bleiben während der Laufzeit stehen; hier ist alles zugeschnitten auf die Performances von White, der im diesjährigen Berlinale-Forum seine multimediale, mit Homoerotik durchsetzte Präsentation „Kopietheater“ gezeigt hat. Der mehrfach talentierte Autor und Künstler, der in London zurzeit als Filmkurator der Whitechapel Gallery tätig ist, stellte in der daadgalerie neben „Democracy“ die Performances „Black Flags“ und „Ibiza: a reading for ‚The Flicker‘“ vor, letztere verquickte eine Lesung aus dem Internet gefischter Texte mit Tony Conrads flimmerndem „Flicker“-Experimentalfilm (1966) und dem wiederholten Umstoßen einer Bierflasche: eine Poesie der Überlagerung. Jens Hinrichsen

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