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KLASSIK

Herzblut: „Dracula“

in der Zitadelle Spandau

Besser könnte der Aufführungsort für ein Dracula-Filmkonzert nicht gewählt sein. Im Hof der Spandauer Zitadelle werfen knorrige Bäume ihre Schatten, in den Gewölben hausen unzählige Fledermäuse, und selbst einen kleinen Hafen gibt es, wo Graf Dracula landen könnte, um in Großstadtnähe ausreichend Amüsement und gut durchblutete Hälse zu finden.

Minimal-Music-Komponist Philip Glass und das Kronos Quartet haben dem Vampirklassiker von 1931 mit Bela Lugosi einen neuen Soundtrack verpasst, den ersten eigenständigen. Einst wurde unter anderem Musik von Tschaikowsky gespielt zu der frühen Tonspur mit ihren rudimentären Geräuschen und Dialogen. Obgleich „Dracula“ ein ganzes Genre prägte, ist der Film alles andere als perfekt. Finanzprobleme und eine holprige Adaption des erfolgreichen Broadway-Stücks spürt man bei jedem Szenenwechsel. Doch Bela Lugosi, der die Filmrolle erst gar nicht bekommen sollte, spielt den Blutsauger mit zart gebrochenem autoritären Charme und dunkler Pracht. Er wäre Philip Glass um den Hals gefallen – aus Dankbarkeit für seine elegante Verflüssigung des Geschehens und sein würdevolles harmonisches Taktieren. Wie ein gewaltiges Spinnennetz legt sich die Musik über die Charaktere, engmaschig genug, um sie zusammenzuhalten, zugleich hauchzart und durchscheinend, um keine Geste des Grafen der ewigen Nacht zu überdecken. Nimmermüde stellen sich die Streicher des Kronos Quartet, sowie Michael Riesman und Philip Glass an den Keyboards in den Dienst von „Dracula“, während das Publikum von Scharen kleinster Vampire heimgesucht wird. Eine Nacht, in der jeder Herzblut gibt. Ulrich Amling

KLASSIK

Lockmittel: „Classic Open Air“

auf dem Gendarmenmarkt

Nach drei Stunden sind alle Ohrwürmer der Musikgeschichte durch. Der Himmel leuchtet vom Abschlussfeuerwerk, die Menge applaudiert, nur Friedrich Schiller blickt immer noch skeptisch. Es ist wieder „Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt. „The best of Classics“ lautet das Motto des Auftaktabends, auf den bis zum 19. Juli noch ein Tschaikowsky-, ein Swing- und ein Filmmusikabend folgen. 25 Arien und kurze Orchesterwerke – von Verdis „La donna è mobile“ bis zu Griegs „Halle des Bergkönigs“ –, da ist alles dabei, was man aus der Werbung kennt und nach vier Takten mitsummen kann. Unterbrochen wird die Hit-Reihung nur von Herbert Feuerstein, der als Moderator irgendwo zwischen Charme und Fremdscham durch den Abend führt.

Bis zur Pause tönt von der Anhaltischen Philharmonie Dessau unter der Leitung von Antony Hermus leider nur katastrophaler Klang aus den Boxen. Streicher klingen da wie Synthesizer, dem Flügel fehlen bei Schumanns „Träumerei“ (Sibylle Briner) die Höhen, den Orchesterinstrumenten die Tiefen und wenn der Berliner Konzert Chor auch noch mitmischt, dann ist die Anlage gänzlich überfordert. Allerdings wird der Sound im zweiten Teil deutlich besser, so dass Gershwins „Rhapsody in Blue“ zum ersten Mal differenziertes Gestaltungsgespür des Orchesters offenbart und die Gesangssolisten des Abends plötzlich Gefühle transportieren. Das ist wichtig, denn auch in diesem Jahr wird „Classic Open Air“ vielen Besuchern die erste Begegnung mit klassischer Musik bringen. Wie großartig, wenn die neugierig Gewordenen in der Saison auch den Weg ins Konzerthaus oder die Philharmonie finden würden, um dort Klassik mit allen akustischen und programmatischen Vorzügen zu erleben. Schiller bleibt skeptisch. Daniel Wixforth

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