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POP

Alles, bloß kein Kabarett:

Begemann in den Wühlmäusen

Bei Dieter Hallervorden war der gitarrenrockende Geburtshelfer der „Hamburger Schule“ noch nie. Zwar klingt der Titel seines letzten Albums „Ich erkläre diese Krise für beendet“ nach Kabarett, doch Bernd Begemann sieht sich im Verlauf des dreistündigen Abends mehrfach genötigt, zu erläutern, weswegen er sich dieser Zunft nicht zugehörig fühlt. Zum einen, sagt er, sei auf der „Wühlmäuse“-Bühne schon genug politisch herumgenörgelt worden. Zum anderen habe er für Comedians, die „vor jeder Pointe mit den Ohren wackeln“ ebenso wenig Verständnis wie für jene, die „dadurch Sympathie heischen, indem sie lang und breit erzählen, was bei ihnen alles schiefgelaufen ist“.

Aber auch er spielt mit ausgestellten Schwächen, wenn er neue Songs mit der Entschuldigung abbricht, „mal wieder an etwas anderes gedacht“ zu haben, und lieber erprobte Publikumshits anstimmt. Und doch kommen an diesem Abend weit mehr neue und selten gehörte Stücke zum Zuge, als man es von seinen Auftritten gewohnt ist. Zwischen seinen 30 Liedern preist Begemann mit Hall auf der Stimme immer wieder seine Gastgeber an, etwa als „Nummer Eins im Nagetier-Entertainment“. Und erinnert nebenbei daran, wie komisch es war, als der Hausherr in einem Wahlclip – quasi als „Rächer der Enterbten“ – mal für die FDP warb. Als „eine Art Heimatlieder“ versteht Begemann seine Beschreibungen von luxuriöser Tristesse („Sie werden wahnsinnig in diesen Häusern“), Betriebshierarchien („Ich identifiziere mich nicht mit der Firmenphilosophie“) und Bemühungen um eine „lebendige Stadtteilkultur“. Damit erreicht er nicht nur sein Stammpublikum: Die Fluktuation der Zuhörer ist weitaus geringer, als es der Künstler von der Bühne aus kommentiert. Markus von Schwerin

KLASSIK

Vertraute Töne: Lucia Aliberti

bei „Classic Open Air“

Seit Lucia Aliberti vor fast 30 Jahren an der Deutschen Oper als Titelheldin in Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ ihren internationalen Durchbruch feierte, hat die sizilianische Sängerin in Berlin viele treue Fans. Und diejenigen unter ihnen, die am Freitagabend ihr Konzert beim diesjährigen „Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt besuchten, hörten genau die Aliberti, die sie nun schon lange kennen. Immer noch singt sie die großen Belcantopartien und unternimmt dabei gelegentlich Ausflüge ins dramatische Fach; das Programm vom Freitag, das Arien von Bellini, Puccini und Catalani in der ersten Hälfte mit Werken von Verdi in der zweiten Hälfte kombinierte, reflektierte diesen Fokus. Ihr Sopran besticht wie eh und je mit Agilität und technischer Flexibilität und harmoniert gut mit dem besonders in Mittellagen sehr vollen Tenor des jungen Isländers Egill Palson. Ihre Bühnenpräsenz ist nach wie vor enorm, und lässt sowohl die Statue von Friedrich Schiller im Blickfeld vor der Bühne vergessen als auch die leider nicht minder statuarische, besonders bei Verdi unflexible Begleitung des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt (Oder) unter Hendrik Vestmann. Und nach wie vor noch dürfen die geneigteren unter den Zuhörern der Alberti ihre gelegentlich fehlende Intonationssicherheit verzeihen. Richtig beklagen mussten sich die Alberti-Fans am Freitag also nur über die Übertragungstechnik, die ganze Arien mit Bühnenecho entstellte und deretwegen Albertis Stimme in hohen Lagen oft schriller wirkte als das Kreischen der über dem Gendarmenmarkt kreisenden Schwalben. Christian Kaesser

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