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KLASSIK

Schmerzfrei: Bernd Glemser beim

Sommerkonzert in der Prignitz

In den äußersten Nordwesten Brandenburgs, nach Cumlosen am Rande des Naturparks Elbtalaue in der Prignitz, locken die Brandenburgischen Sommerkonzerte mit einem ihrer prominentesten Konzerte dieser Saison. „Denken Sie nur nicht, die Kirche ist hier immer so voll,“ erklärt der Amtsdirektor den Kulturreisenden, aus deren Taschen noch der eine oder andere DDR-Atlas lugt. Die Eltern von Gottfried Benn haben hier geheiratet, für die Restaurierung von Kirche, Künstlerhaus und Dorfplatz wurde Cumlosen mit dem Europäischen Dorferneuerungspreis ausgezeichnet. All das würde kaum jemand erfahren, wenn nicht mit Bernd Glemser ein ausgewiesener Pianist sein Programm zum 200. Chopin-Geburtstag hier präsentieren und die Kirche bis zur Empore hin ausverkaufen würde.

Chopin spielt die kleinste, aber feinste Rolle während dieses Nachmittags der romantischen Wegerkundungen, die mit Mendelssohns „Liedern ohne Worte“ beginnen. Die Entäußerung kostbarer Regungen wird hier mit Eleganz vermieden; den zarten Schmerz, der hinter solchem Gefühlsprogramm lauert – Glemser zeigt ihn kaum. Dafür pflügen seine Finger behände die stehende Sommerluft um. Chopins „Nocturnes“ profitieren von seinem klaren Anschlag, auch wenn die Klangmischungen etwas von Farbmusterstreifen bekommen. Am schwersten tut sich Glemser mit Liszts h-moll-Klaviersonate. Wenn man hier keinen Weg nach innen findet, jenseits des Klangwütens, kann sich jene magische Aura kaum entfalten, auf die es Liszt ankam. Trotzdem: Glemser ist ein guter Pianist. Ulrich Amling

KLANGKUNST

Selbst gebastelt: „Shared Sounds“

im Radialsystem

Crossover bedeutet oft, dass Künstler auf einem Feld dilettieren, auf dem sie keine Erfahrung haben. Das Konzept von „Shared Sounds“ grenzt sich von diesem Muster ab: Hier sollen Künstler auftreten, bei denen die Überschreitung von Genregrenzen von Anfang an Teil des künstlerischen Konzepts ist. Wie das klingt, das ließ sich am Samstag bei der dritten Ausgabe des auf einen Konzertabend geschrumpften Festivals im Radialsystem beobachten. Einen überzeugenden Auftritt legen dabei der norwegische Barockgeiger Bjarte Eike und das von ihm gegründete Ensemble „Barokksolistene“ mit ihrer „Alehouse Session“ hin. Lustvoll und risikofreudig improvisierend und obendrein das Publikum zum Singen derber Trinklieder barocker Altmeister animierend, lösen die Musiker die Grenzen zwischen Barockmusik und Folk auf. Aber auch die – soweit sich das in einem überfüllten Konzertsaal machen lässt – zwischen seriösem Konzert und Kneipenunterhaltung.

Umso enttäuschender der Beitrag von Moritz Wolpert, der zusammen mit seiner Band Berliner Ring angetreten war, um einer Reihe von kuriosen selbst gebauten Musikinstrumenten Leben einzuhauchen. Diese scheinen dem Requisitenfundus von Fritz Langs Stummfilmklassiker „Metropolis“ entnommen zu sein, sind sie doch mit herrlich monströsen Schalttafeln vernetzt. Doch so ansprechend das Äußere und so schön die Idee, futuristische Klänge live mit nostalgischer Technik zu erzeugen: Die Verbindung zwischen digitaler und analoger Tonerzeugung ist nicht klar nachvollziehbar. Öde Loops, mangelnde Bühnenpräsenz der Musiker und massive technische Probleme machen die Sache nicht besser und lassen viele Zuhörer vor der Zeit das Weite suchen. Carsten Niemann

FOTOGRAFIE

Magie des Alltags: T. Lux Feininger im Bauhaus-Archiv

Auf der Bauhaustreppe: T. Lux Feininger fotografierte, wie Studentinnen der Webklasse die Stufen nehmen. Ihre Rückenansichten erinnern an das legendäre Treppenbild von Oskar Schlemmer, und schon dieses Motiv macht sichtbar, wie sehr Lux als jüngster Sohn Lyonel Feiningers die Prinzipien der Avantgarde aus Dessau verinnerlicht hat. Das BauhausArchiv zeigt zum 100. Geburtstag des Künstlers eine kleine Ausstellung mit 17 Fotografien: Impressionen aus dem Alltag, Gruppenbilder und Porträts des letzten noch lebenden Bauhäuslers (Klingelhöferstr. 14, bis 8.11., Mi-Mo 10-17 Uhr).

1936 emigrierte T. Lux Feininger in die USA. Zurück blieb ein fotografisches Werk, das vom neuen Dessauer Geist erzählt, von schlichten Kleidern, grafischen Frisuren und einer Gemeinschaft, die sich mit nichts weniger als der Umgestaltung des Lebens beschäftigt hat. Aber der Künstler zieht auch eine zweite Ebene ein, auf der sich die Objekte zu magischen Kompositionen verbinden. Das macht den Autodidakten zum einzigartigen Chronisten der Jazz-Kapelle des Bauhauses wie den Auftritten der Bühnenklasse.

Schon 1931 wurde das New Yorker Museum of Modern Art auf die Bilder aufmerksam und kaufte ein Konvolut. Was in Deutschland blieb, fiel großenteils dem Krieg zum Opfer. Feininger selbst entschied sich Anfang der 50er Jahre ganz für die Malerei, mit der er bereits am Bauhaus begonnen hatte. Eine frühe Aufnahme zeigt ihn dort auch im Atelier: Feininger hat sich akademisch inszeniert, mit Pinsel und Farbpalette vor der Staffelei. Als Fotograf war der Künstler ganz in der Gegenwart und so up to date, wie man es von dem jungen Medium erwartete. Als Maler blickte er zurück ins 19. Jahrhundert, auch das Sujet seiner Bilder steht im seltsamen Kontrast zu den Themen seiner Generation: T. Lux Feininger malt Segelschiffe und Überseedampfer auf blauer, schäumender See. Christiane Meixner

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