KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

NEUE MUSIK

Bläserwucht und Streichergrazie:

Zeitkratzer im Haus der Kulturen

Dann kam der Regen, um die Pflanzen zu gießen und die Flüsse zu füllen, passend zum diesjährigen Wassermusik-Festival im Haus der Kulturen der Welt, das sich mit Donau, Amazonas und Nil befasst. Bei der Donaufahrt am Freitag ist es erst mal vorbei mit der Beschaulichkeit, als Zeitkratzer aus Berlin die Bühne entern. Das seit 1997 bestehende Ensemble gehört zu den wichtigsten Interpreten Neuer Musik und hat in der Vergangenheit von John Cage bis Lou Reeds „Metal Machine Music“ keine Herausforderung gescheut. Unter der Leitung des gebürtigen Regensburgers Reinhold Friedl präsentieren die furchtlosen Grenzgänger nun eine „Volksmusik“-Groteske, die zum ersten Mal vor drei Jahren auf dem Donaufestival in Krems aufgeführt wurde. Bayrische Gruppenjodler, Balkangesänge, Hackbrettmusik und Dudelsackgeblase vermischen sich mit andächtigen Klangbröseln und krachendem Gepolter. Die außergewöhnlichsten Reibungsflächen bietet dabei das verblüffend friedliche Aufeinandertreffen von Bläserwucht und drahtiger Streichergrazie. Unter den Musikern – drei Streicher, zwei Bläser, Klavier, Schlagwerk und Gitarre – herrscht blindes Verständnis, ihre Pointen sitzen, und trotz schwindelerregenden Virtuosentums kommt nie der fade Geschmack egozentrischer Extratouren auf. Im Gegenteil: Die spielfreudige Gleichberechtigung von Kuhglocken-Folklore und Geräuschakrobatik ist nicht nur eine Herausforderung für alle Puristen und sepplbehosten Stadeldeppen, sondern inspiriert sich gegenseitig zu einem herrlich verwirrenden Spektakel. Volksmusik gegen die Wand gespielt – so etwas können nur Leute, die von ihrer Herkunft wissen. Volker Lüke

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