KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Wanderlust: Sommermatinee

im Musikinstrumentenmuseum

Die Sommermatineen der Gotthard Schierse-Stiftung können eine StarSchmiede sein. Der Anfang einer künstlerischen Karriere im beschaulichen Sonntagmorgenkonzert: so haben Größen wie Thomas Quasthoff oder Tabea Zimmermann begonnen. Thomasz Wija soll der nächste sein. Kein einfaches Programm hat sich der Bassbariton ausgesucht. Schumanns „Zwölf Gedichte nach Justinus Kerner“, ein Liederzyklus, bei dem „jedes Wort ein Sphärenton“ sei, wie der Komponist selbst schrieb. Die Sphären sind dann genau das, woran Wija im Curt- Sachs-Saal des Musikinstrumentenmuseums bisweilen scheitert. Das Motiv der Einsamkeit, der romantischen Entfremdung durchzieht diesen Zyklus, und wenn der junge Bassbariton in „Stirb, Lieb’ und Freud’“ diese fragile Seelenhaltung zu oft mit dem Gestus anklagender Wut übersetzt, bekommt der Zyklus eine zu harsche Grunddeutung.

Dass Wija sein Fach technisch beherrscht, zeigt er vor allem in den schnelleren Liedern: das „Wanderlied“ und die „Wanderung“ kommen seiner besonders in den Tiefen strahlenden Stimmfarbe wunderbar entgegen. Anders in Ralph Vaughan Williams’ 1901 entstandenem Zyklus „Song of Travel“: hier spielt Wija mit der musikalischen Leichtigkeit, die harmonisch und melodisch mitunter an Musicalästhetik kratzt. Klare Phrasierungen, Dynamikgespür und vor allem ein glänzend gestaltender Dmitriy Befeler am Flügel heben diese mitunter mittelmäßige Komposition hervor. Zum Schluss dann Schubert: drei Lieder voll fröhlich treibendem Charakter hat Wija ausgewählt. Seine Stärken kennen, auch das ist wichtig für die Karriere (weitere Termine 1., 8. und 15. Aug., 11 Uhr). Daniel Wixforth

KUNST

Gruppenbild: Nira Pereg

im Neuen Bildenden Kunstverein

Vom Boden gelöst schwebt eine Wand schräg im Raum, darunter ein Sockel aus Plakaten, auf denen steht: „Felix, what will remain after all this?“ Das ist der Titel der Installation von Azin Feizabadi. „Felix“ spielt auf Felix Gonzales-Torres mit seinen legendären Give-aways an, der zugleich zum Paten von „Gruppenbild“ erklärt wird, einem Ausstellungsprojekt im Neuen Bildenden Kunstverein (Chausseestr. 128/129, bis 20. August. Das Gesamtprojekt läuft bis Anfang 2011, Mi. u. Fr. 14–18, Di. u. Do. 14–20 Uhr).

Angestoßen von den Kuratorinnen Kathrin Becker und Sophie Goltz entspinnt sich der Dialog zwischen Künstlern wie Karolin Meunier, Azin Feizabadi und Ming Wongun sowie Gruppen wie Discoteca Flaming Star nicht gleichzeitig, sondern nacheinander, wobei Teile vorheriger Zustände integriert werden (dürfen). Shirin Homann-Saadat wird mit ihrem Beitrag das „Gruppenbild“ im kommenden Jahr abrunden – oder womöglich gänzlich infrage stellen. Mit Sicherheit wird das Konfliktpotenzial sich in Grenzen halten, was man von Jerusalem nicht behaupten kann. Dort filmte die Israelin Nira Pereg die Aufnahmen zu ihrem eindringlichen Film „Sabbath 2008“, der im Video-Forum des NBK zu sehen ist (bis 20. 8.): Dem Absperren orthodoxer Stadtviertel am Vorabend des Sabbats verleiht die Künstlerin durch Schnitt und reduzierte Tonspur etwas Befremdliches und Komisches zugleich, passend zur ähnlich religionskritischen Schau des Rumänen Ciprian Muresan in den Haupträumen (bis 22. 8.). Jens Hinrichsen

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