KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Florian Zimmer-Amrhein

LITERATUR

Lauter Fabeln: Young Euro Connect im Konzerthaus Berlin

Über die Leinwand im Werner-Otto-Saal im Konzerthaus Berlin läuft eine Fotoshow. Idyllische Ruinenbilder, ein Küstendorf, geweißelte Häuser. Dazu spielt eine Band griechische Folklore, es gibt Weintrauben, Oliven und Käsehäppchen, auch der Ouzo darf nicht fehlen. Unter dem Titel „Ode an Griechenland: Danke dass Du uns ganz neu über Europa nachdenken lässt“ verarbeiten an diesem Abend im Rahmen des Young-Euro-Classic-Musikfestivals drei europäische Autoren das Thema Eurokrise und Griechenland in Kurzgeschichten. Es gehe darum, aufzuzeigen, „was die Krise eigentlich mit uns gemacht hat“, erklärt Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff, der den Abend moderiert.

Der Slowake Michal Hvorecký trägt eine Geschichte vor, in der ein Straßenköter über die Proteste auf Athens Straßen berichtet. Bei der Berlinerin Ariane Grundies sind griechische Schweine in weißer Weste die Boten der Krise. Der dritte und beste Text des Abends kommt von Natasa Kramberger aus Slowenien. Eine Dorfgemeinschaft sitzt in einem Bus und kämpft mit der eigenen Provinzialität. Der Bus mitsamt Insassen wird zur Metapher einer mehr schlecht als recht zusammengewachsenen Europäischen Gemeinschaft.

Das Highlight des Abends aber ist der deutsch-griechische FDP-Europaparlamentarier Jorgo Chatzimarkakis. Als Kenner beider Kulturen liefert er authentische Eindrücke über die griechische Sicht zur Lage. Er kritisiert umfassend: die antigriechischen „BILD“-Hetzartikel, das zögerliche Handeln der Bundesregierung, das griechische Politikversagen. Der Staatsapparat Griechenlands müsse grundlegend reformiert werden, auch das griechische Volk seine Haltung zu Politik und Staat überdenken. „Wir können gar nicht ohne Europa“, bringt Chatzimarkakis die Veranstaltung auf den Punkt. Young Euro Connect 2010: eine optimistische Solidaritätsbekundung für Europa.Florian Zimmer-Amrhein

THEATER

Laute Lache: „Solo für Bette“

im Theater O-Ton-Art

Schon die erste Ansage lässt das Publikum kennerhaft schmunzeln: „Fasten your seatbelts. Es wird ein unruhiger Abend.“ Mit dem berühmten Zitat aus „All about Eve“ eröffnet Loni von Friedl ihren Solo-Abend im liebenswert-schrillen, kürzlich eröffneten O-Ton-Art-Theater in Schöneberg. Gemeinsam mit Horst Königstein hat sie eine Hommage an die Hollywood-Diva Bette Davis geschaffen. Ihr „Solo für Bette“ ist ein langer Lauf durch die Biografie der Schauspielerin, durch ihre ebenso vielen Aufs wie Abs. Die Hassbeziehung zur Kollegin Joan Crawford, die Liebes- und Leidensgeschichten mit diversen Männern, der Zorn über Tochter Barbara, die mit einer indiskreten Biografie ihrer Mutter Furore und kräftig Kohle macht, und natürlich die Erinnerungen an die großen Filmerfolge. Loni von Friedl, selbst mit einer langen Film- und Theaterkarriere im Rücken, klaut sich von der Diva die Lust zur großen Geste, klaut auch die röhrend laute Lache – das sei kein Lachen, das sei eine Halskrankheit, hat mal ein Kollege gesagt – und nimmt bei gelegentlichen Hängern Zuflucht in Schimpfen und Fluchen. Am anrührendsten aber sind die still-verhalten hingesprochenen Songs über Liebe, Lust und Einsamkeit (Kulmer Str. 20A, wieder am 8., 12.-15.8., 21.-24.10., jeweils 19.30 Uhr). Christina Tilmann

KUNST

Lange Beine: Zwei Jubiläen

im Keramik-Museum

Gefeiert werden kann gleich doppelt: der 100. Geburtstag von Rudolf Kaiser und das Jubiläum des Berliner Keramik-Museums, das Heinz-Joachim Theis vor zwanzig Jahren gegründet hat. Theis hat in den späten siebziger Jahren sein Interesse am Kunstgewerbe entdeckt und zehn Jahre später in Berlin begonnen, die Keramikarbeiten seines Jahrhunderts zu sammeln. Das Keramik Museum in Charlottenburg stellt immer wieder Werke verschiedenster Keramikkünstler aus.

Geehrt wird dieses Mal vor allem Rudolf Kaiser, der 1910 in Dessendorf im heutigen Tschechien geboren wurde und in Berlin-Weißensee und Dresden lehrte (Schustehrusstr. 13, bis 20. 9.). Das Spektrum der Arbeiten reicht von den dreißiger bis siebziger Jahren. Seine Kleinplastiken sind klassisch, ironisch, heiter, ja sogar anzüglich. Mit seinen Figuren und Wandtellern gehörte er zu den populärsten Keramikern der DDR, insbesondere wegen der volkstümlichen Redensarten, mit denen er seine Arbeiten zierte. Aber auch Symbole der antiken Mythologie und christlichen Kunst verarbeitete Kaiser. So übertrug er Adam und Eva in die Gegenwart, indem er sie an einer Bar platzierte. Witz und leichte Anrüchigkeit - das macht Rudolf Kaiser zum Klassiker der Alltagskunst. Louise Zwirner

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