KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

YOUNG EURO CLASSIC

Meisterkurz: das Orchester

des Schleswig-Holstein-Festivals

An den Piano-Stellen wird der Klang erstaunlich blass, vor allem in den Streichern. Nur im Forte funktioniert das Konzept größtmöglicher emotionaler Überwältigung, das Mariano Chiacciarini im Finale von Beethovens Fünfter zu verfolgen scheint. Und da die Musik die Menschen buchstäblich von ihren Sitzen reißen soll, spielt das Orchester im Stehen und strömen die ganze Zeit noch Posaunen, Celli, Bratschen munter aus dem Publikum herbei. So verstellt die Show eine neue, persönliche Sicht auf das pathetische Werk.

Dabei ist die Idee gar nicht schlecht: Für den Auftritt des international besetzten Schleswig-Holstein-Festival-Orchesters bei Young Euro Classic hat Iván Fischer das Abschlusskonzert seines Salzauer Dirigier-Meisterkurses ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt verlegt. Abendpate Claus Kleber lost aus, welcher Absolvent welchen Satz dirigieren darf.

Eher pauschalen Überdruck erzeugt Lam Tran Dinh im Kopfsatz, der Meister Iván Fischer selbst sorgt im Andante für schwingende Leichtigkeit. Weniger heterogen sind die Eindrücke in Bartóks „Konzert für Orchester“. Der Ungar Zsolt Jankó bringt den Kopfsatz und das virtuose „Spiel der Paare“ in seinen vielfarbigen Instrumentenkombinationen klar und transparent über die Rampe. Der Slowake Marián Lejava stellt sich souverän den Stimmungsumschwüngen der „Elegia“ und des „Intermezzo interrotto“. Im rasanten Höllenritt des Finales schließlich demonstriert Fischer, welche Brillanz und Beweglichkeit sich aus diesem hochklassigen Orchester herauskitzeln lässt. Isabel Herzfeld

KUNST

Sitzenbleiben: Die Galerie Nord zeigt Objekte zum Niederlassen

Manchmal kollidieren Realität und Kunst. Vor der Bushaltestelle, die Martin Pfahler auf die wesentlichen Elemente in der Galerie Nord/Kunstverein Tiergarten errichtet hat, klebt ein Zettel: Bitte nicht draufsetzen. Die Sitze sind aus Pappe, sie würden sonst brechen. Dabei geht es doch genau darum, in der Ausstellung „Niederlassung“ (bis 28. August, Turmstraße 75, Moabit, Di–Sa 14–19 Uhr). Wie sehen Orte aus, an denen man gerne verweilt, die man sich einrichtet oder die zur Versammlung von Gruppen auffordern?

Die vier eingeladenen Künstler haben sich vom gesellschaftspolitischen Konzept, das mit Schlagworten wie Mobilität, Integration und Migration daherkommt, nicht beirren lassen und sehr grundsätzliche Ideen entwickelt: Von Beate Maria Wörz stehen vor der Tür zwei Parkbänke: Bei der einen sind Sitzfläche und Rückenlehne vertauscht, das Sitzen ist äußerst unbequem. Bei der anderen ist es gar unmöglich, weil zwei Hälften gegeneinandergeschweißt wurden. Dem flexiblen Möbelstück huldigt Wörz in einer kleinen Zeichnung: Sie hat ein Rollmöbel auf eine Oblate gezeichnet. Steffen Geislers begehbare Installation zeigt, wie schnell sich Räume in Lebensräume verwandeln. Viele Anhaltspunkte gibt es nicht in diesem pechschwarzen Kabinett, es reicht ein umgestürzter Bilderrahmen, eine kauernde Figur, und schon hat man beim Hindurchgehen das Gefühl, mitten in einer Tragödie zu stecken. Hat hier ein Brand alles vernichtet? Gloria Zein indes hat aus alten Pappkartons zwei fragile Zeltdächer zusammengeklebt. Von außen betrachtet wirken diese Unterschlupfe wie Schutzpanzer. Oder wie riesenhafte Gebilde, die es so nur in der Natur geben kann. Von Tieren gemacht. Die haben nämlich keine Häuser. Anna Pataczek

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