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KLASSIK

Volles Blech: das Joven Orquesta Nacional de España im Konzerthaus

Bläser können ganz schön laut werden. Doch was sich das Blech des Joven Orquesta Nacional de España bei Young Euro Classic im Konzerthaus erlaubt, sprengt alle Maßstäbe. Im einführenden Stück „Tiento del primer tono y batalla imperial“ von Cristóbal Halffter kommt ein enormer Apparat zum Einsatz: fünf Hörner, vier Trompeten, zwei Posaunen, zwei Tuben. Und so klingt es auch: massiert, plärrend, verschwommen. Dirigent Pablo Gonzáles unternimmt nichts, um diese Brachialgewalt zu disziplinieren. Bei Richard Strauss’ „Don Juan“ haben die Streicher mehr Raum und können glänzen – mit breitem, frei fließendem, pulsierendem Spiel. Auch die Holzbläser überzeugen mit zart hingetuschten Solis.

In den fünf „Canciones negras“ von Xavier Montsalvatge wird es dann intim. Mezzo Magdalena Llamas hat allerdings zu wenig von dem, wovon das Blech zu viel hat. Ihre Stimme ist zwar charakteristisch, leicht rauchig, „spanisch“, wenn man so will, bleibt aber klein und kann sich nur in den leisen Liedern voll entfalten. Dann aber glüht sie geschmeidig vor allem in der Tiefe. In Strawinskys „Petruschka“ ist dann alles wie gehabt: Das Blech haut bei jedem Einsatz voll rein, obszön und prollig, und bekommt dafür am Ende noch Einzelapplaus. Bei den Streichern hingegen flirrt das Pathetische, Schlichte und Triviale von Strawinsky gleichermaßen, alles hat Bezug, nichts will einfach beeindrucken. Das muss Pate Patrick Lange eingangs gemeint haben, als er von der „Gemeinschaft des Orchesters“ sprach, in der die egoistische Vereinzelung der Gesellschaft aufgehoben sei. Udo Badelt

KUNST

Großes Ganzes: Urbane Muster

im A trans Pavilion

Das Universum steckt in einem Kubus aus Glas und Beton. Der A trans Pavilion steht im dritten, einem ruhigen Hof der Hackeschen Höfe. Seit vier Jahren zeigt die Kuratorin Isolde Nagel dort Kunst, die sich mit dem urbanen Raum auseinandersetzt. Kein Wunder, sie kommt selbst aus der Ecke, hat Architektur studiert. Ihr Jahresprogramm stellt sie immer unter ein Motto, dieses Mal ist es das Wortspiel „Holi-City“, eine Mischung aus der philosophisch-naturwissenschaftlichen Ganzheitslehre Holismus und der Stadt. Aber auch das englische Wort für heilig steckt drin. Was ziemlich abgehoben klingt, bekommt in der aktuellen Ausstellung mit Ellinor Euler und Detlef Mallwitz eine konkrete Form (bis 19.9., Rosenthalerstraße 40/41, Hof 3, Fr+Sa 14-19, Schaufenster rund um die Uhr).

Euler, die im vergangenen Jahr den Brandenburgischen Kunstpreis gewonnen hat, spielt das Grundmuster der Blume des Lebens durch: Sieben Kreise, die sich überschneiden und deshalb wie eine Blüte aussehen. Sie ist Sinnbild für perfekte Harmonie. Euler löst diese Ordnung mit ihren Bleistiftzeichnungen auf, indem sie einzelne Elemente der Struktur isoliert. In ihren farbigen Arbeiten legt sie so viele Blumen übereinander, dass die Ausgangsfigur kaum mehr zu erkennen ist. Mallwitz schafft sich – anders als Euler, die sich einem traditionellen Ornament altägyptischer und asiatischer Kulturen bedient – eine private Kosmologie. Er überlegt sich komplexe Zahlenreihen, die er wiederum in weiße Striche auf schwarzen Grund oder dreidimensionale Metallgebilde übersetzt. Scheinbar zufällig mischen sich die geometrischen, architektonisch wirkenden Arbeiten der beiden Künstler auf den Wänden. Aber Zufälle gibt es hier nicht. Nur das große Ganze. Anna Pataczek

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