KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

SYRISCHER POP

Happy-Hardcore: Omar Souleyman

im Haus der Kulturen der Welt

„Aaaay-Aaaay!“ ruft der Sänger im Kaftan, während das Publikum zu donnernden Synthie-Beats antwortet: „Aaaah- Ooooh!“ Wer steht denn da im vollen Haus der Kulturen im Gaddafi-Outfit auf der Bühne und wackelt mit dem Zeigefinger? Omar Souleyman, Popstar aus Syrien, der es auf ein Gesamtwerk von über 500 größtenteils live mitgeschnittenen Kassetten gebracht hat und den man zum Abschluss des Wassermusik-Festivals eingeladen hat, um auf das Thema Wüste im nächsten Jahr hinzuweisen. Seine Musik nennt sich „Dabke“, eine frenetische, aus nahöstlichen Stilen gemischte Tanzmusik, die auf Hochzeiten gespielt wird. Begleitet wird der Entertainer aus Damaskus von einem Keyboard-Wizard und einem Musiker an der Saz-Laute, der dem Sound mit seinen Schnörkeln eine psychedelische Note verleiht.

Die seltsamste Figur auf der Bühne ist aber ein Typ, der das Publikum mit einem Handy fotografiert, gelegentlich in die Hände klatscht oder Omar Souleyman etwas ins Ohr flüstert. Es ist der „Poet“, eine traditionelle Figur in der syrischen Musik, die das Geschehen analysiert und in Verse umsetzt, wobei so schöne Sätze entstehen wie: „Das Warten auf dich hat meine Leber zerstört“. Das Publikum tanzt enthusiastisch. Der schrille Sound, die krachigen Verdichtungen und funkigen Beats sind Anwärter für jede Happy-Hardcore- Dance-Party. Donnernder Applaus. Und dann legt er wieder los: „Aaaay-Aaaay! Aaaay-Aaaah!“Volker Lüke

YOUNG EURO CLASSIC

Wilde Mischung: Mischa Santora

und das Rias Jugendorchester

Es ist der versöhnliche Abschluss einer Sommertournee: Nachdem das Rias Jugendorchester in Magdeburg, Hannover, Leipzig und Wiesbaden vor halbvollen Sälen spielen musste, freuen sich die Musiker besonders über den Auftritt im restlos ausverkauften Konzerthaus am Gendarmenmarkt – und legen nach den sechs Werken ihres Potpourri-Programms gerne noch zwei Zugaben drauf. Wobei sie die Nummer aus Bernsteins „West Side Story“ nutzen, um sich bei ihrem Dirigenten zu bedanken: Statt „Mambo“ zu rufen, wie es die Partitur vorschreibt, schmettern sie vielstimmig „Mischa!“.

Der 1972 geborene Ungar Mischa Santora ist seinem Ruf als begabter Coach für Nachwuchstalente offensichtlich voll gerecht geworden. Im Konzert gelingt George Gershwins fetzige „Girl Crazy“- Ouvertüre am besten, und auch bei Strawinskys „Feuervogel“-Suite wird deutlich, dass Santora mit der projektweise zusammenkommenden Truppe intensiv am Klang gearbeitet hat. Ravels „Bolero“ bietet den Holzbläsern reichlich Gelegenheit, sich als Solisten zu präsentieren: Dass es dabei nicht allein um die Befriedigung des eigenen Mitteilungsdrangs geht, sondern auch um handfesten Stress, kann am Freitag jeder hören. Etwas vernuschelt wirkt zu Beginn Steve Reichs „Lollapalooza“, in den für Young Euro Classic komponierten sinfonischen Miniaturen von Tobias Schneid und Fay Wang fühlt man sich so wohl, dass man sie sofort wieder vergisst. Frederik Hanssen

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