KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

YOUNG EURO CLASSIC

Farbenpracht: Ungdomssymfonikerne

aus Norwegen im Konzerthaus

Ein denkwürdiges Konzert gibt das junge norwegische Ungdomssymfonikerne unter Ole Kristian Ruud im Konzerthaus. Dagmar Reim, rbb-Intendantin und Patin des Abends, lässt sich bei ihrer Begrüßung den wunderlich tönenden Namen des Orchesters auf der Zunge zergehen und verheißt einen farbstarken Abend, der mit der lauschigen Festivalhymne „Abendstraßen“ von Manfred Trojahn allerdings eher zurückhaltend anhebt. Über den beschaulichen Streicherkantilenen meint man Gaslampen statt Halogen strahlen zu sehen, Kerzen in den Fenstern, kein weißes Energiesparlicht.

Farbe kommt erst später ins Spiel, zunächst in der boleroartigen, stark an- und abschwellenden Montage von Wolfgang Plagges Orchesterstück „Synergies“, danach gleichsam ex negativo – im fabelhaft sicher genommenen Solo der 16-jährigen Guro Kleven Hagen, die mit Max Bruchs Violinkonzert g-Moll zwar eins der meistgehörten Stücke dieser Art spielt, dies aber mit altmodisch schönem, geradezu vornehm blassen Ton. Bei so viel Dezenz, so wenig zirzensischem Auftrumpfen muss das groß besetzte Orchester sich abermals zurücknehmen; fast scheinen die Außenkanten der Violin- und Kontrabassgruppen zu leichtem Müßiggang verurteilt.

Alle seine Tugenden vorführen kann das Ungdomssymfonikerne erst mit der zweiten Symphonie des finnischen Komponisten Jean Sibelius, einem dreiviertelstündigen Kraftpaket von Orchesterliteratur, das mit nicht nachlassender Disziplin, mit größter Geschlossenheit, breitesten Streicherschärpen und gleißenden Blecheinwürfen präsentiert wird: eine erstaunlich professionelle Leistung für ein so junges Ensemble, frappierend in der konzisen Gestaltung der Klangblöcke, die hier zu weiten Klanglandstrichen werden. Ohne letzte Zugaben-Grüße an und von Edvard Grieg aber traut sich wohl kein norwegisches Orchester nach Hause – und wunderbar gern hört man sich „Åses Tod“ zum 34. Mal an, wenn es so zart, so kontrolliert nach innen gewandt gespielt wird wie hier, mit einem Decrescendo, das unhörbar in die Stille des ausverkauften Saals verebbt. Christiane Tewinkel

KUNST

Das grüne Leuchten: Anja Knecht

in der Kleinen Orangerie

Ein riesiger Quarz , drei monochrome Bilder und zwei Vitrinen. Das ist es, was der Besucher der Ausstellung „Immer grün. Anbei die Materie“ zuerst wahrnimmt, wenn er die Kleine Orangerie von Schloss Charlottenburg betritt (bis 29. August; Mi-Fr 14-18, Sa-So 12-18 Uhr). Ziemlich verloren wirken die Objekte im hellen, fast leeren Raum. Die Vitrinen mit kleinen Quarzen und Kristallen verraten kaum einen Zusammenhang zu den Bildern. Was haben die Steine aus dem Mineralogischen Museum mit den Arbeiten von Anja Knecht zu tun?

Leise Geräusche locken den Besucher sodann zu einer kleinen Kiste auf dem Boden. Sphärische Klänge, ein Rauschen dringt heraus. Sogleich stellt sich die Vorstellung von Regen und Bergen ein. Verzerrte Stimmen zerstören jedoch immer wieder die Idylle. Die Klanginstallation stellt eine Verbindung zwischen den Objekten her, zumindest atmosphärisch. Der große, unbehandelte Quarz reflektiert an einigen Stellen das durch die Fenster einfallende Licht. Es funkelt matt an der weiß bräunlichen Oberfläche. Diese Struktur wiederholt sich in den grobkörnigen monochromen Fotoarbeiten. Ein schwarzes Bild zeigt in der Mitte eine rote unbestimmte Form. Die unregelmäßigen Zacken erinnern an die Struktur der Steine aus den Vitrinen. Auf der Wand steht in Großbuchstaben: Wildwuchs. Und schon schließt sich der Kreis: Hier in der Orangerie wurden einst im Winter die Citrusbäume im Warmen aufbewahrt, die domestizierte Natur. Heute lässt sich hier die Kunst einfangen.Marianna Mamonova

ARCHÄOLOGIE

Ton und Schrift: Das Neue Museum würdigt den Papyrologen Schubart

Die Berliner Museen entwickelten sich Anfang des 20. Jahrhunderts zum Zentrum der Ägyptologie. Zu verdanken ist das nicht zuletzt dem Berliner Papyrologen Wilhelm Schubart (1873–1960). Anlässlich seines 50. Todestages veranstaltet das Neue Museum eine kleine Sonderausstellung (bis 28. 11.; So-Mi 10-18 Uhr, Do-Sa 10-20 Uhr). Schubart war zunächst als Papyri-Ankäufer für die Berliner Museen unterwegs, 1902 gründete er das Deutsche Papyrus-Kartell, ab 1909 leitete er die Papyrussammlung des Ägyptischen Museums. Einblick in Schubarts Verdienste geben zwei Vitrinen im Erdgeschoss. Dort sind einige seiner Funde zu besichtigen, außerdem seine „Einführung in die Papyruskunde“ von 1918 sowie handschriftliche Reisenotizen.

Interessanter wird es im ersten Stock im Niobidensaal. Vis-à-vis der Büste von Nofretete beherbergt die Papyrus-Sammlung viele von Schubarts Funden. Glanzstück ist eine Buchrolle mit anonymen Kommentaren zu Platons Gesprächen mit dem Mathematiker Theaitetos. Neben diesen Preziosen der Weltliteratur findet sich auch Bodenständiges wie eine Schultafel mit Versen der Ilias. Der Aufwand, solche Funde zu datieren, die Texte zu entschlüsseln und zu übersetzen, ist enorm. Trotzdem wirken diese Schriften auf Papyrus, Holztafeln, Leder oder Tonscherben erstaunlich frisch. Sie lassen erahnen, wie wenig sich der Mensch seitdem verändert hat. In ein stark verwittertes Papyrusblatt mit Mathematikaufgaben sind zwischen die Schrift Dreiecke und Quader als Lösung gezeichnet. In eine Multiplikationstabelle aus dem 5. Jahrhundert hat ein byzantinisches Schulkind ein Vögelchen gezeichnet. Dieselben Malereien lassen sich heute noch in Heften finden. Nur rechnet niemand damit, dass die eigenen Schulkritzeleien im Museum landen. Birgit Rieger

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